Stadtentwicklung zwischen Erbe und Modernität

Nancy (Lothringen) - Die große Kleine im Grand Est

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Mit dem Rathaus (Hôtel de Ville) als Hintergrund erstreckt sich der belebte Platz nach Norden. Der Namensgeber Stanislas steht als Bronzestatue auf dem Denkmalssockel. Foto:Thomas Herrgen

Die heute politisch eher unbedeutende Hauptstadt des französischen Départements Meurthe-et-Moselle war historisch einmal das kulturelle und politische Zentrum des ursprünglich viel größeren Herzogtums Lothringen. Als der vormalige polnische König Stanislaw aus Erbschaftsgründen den Herzogsthron besteigen konnte, begann er sofort, umfangreich zu bauen. Es entstanden neue Paläste, Plätze, Parks und mehr. Noch heute wirkt Nancy deshalb eine Nummer zu groß.

Der nach dem Herzog benannte Place Stanislas (der Rathausvorplatz) wurde zu Beginn der 2000er-Jahre saniert und umgebaut. Er ist die zentrale "Gute Stube" der Stadt und wird jährlich im Sommer bei einem Lichtfestival inszeniert. Aber auch der benachbarte Parc Pépinière, ein kleiner Volkspark mit Streichelzoo, weitere Gärten, Parks, grüne und steinerne Plätze, wie der formale Place d´Alliance, die Wasseradern Mosel, Meurthe und der Kanal Marne-Rhein sowie ein modernes ÖPNV-System machen aus der heute rund 105.000 Einwohner zählenden Stadt in der französischen Region Grand Est ("Großer Osten") einen angenehmen Ort zum Leben, Wohnen und Arbeiten, in dem sich Geschichte mit Modernität verbindet.

Wie Phoenix aus der Asche

Nancy geht auf die Errichtung der herzoglichen Burg Nanciacum im Jahr 1050 zurück. Rundherum begann schnell die Besiedlung, Bauten entstanden und der Ort wuchs rasch zur Stadt. Durch Kriege und Brandschatzung wurde sie 1218 schon wieder zerstört, jedoch bis 1265 wiederaufgebaut. Nunmehr von einer schützenden Stadtmauer mit baulich aufwändigen Toren, wie La porte de la Craffe umgeben, erhielt Nancy sogleich die Stadtrechte und stieg sogar zur Hauptstadt des Herzogtums Lothringen auf.

Ihre größte Blüte erlebte die Stadt unter den Herzögen Anton (1489-1544) und Karl III. (1543-1608). Südlich der Altstadt entstand die auf dem Reißbrett geplante Neustadt. Sie besteht aus einem Netz von Straßen, die sich - ähnlich wie in New York/Manhattan - rechtwinklig kreuzen. Im daraus resultierenden Raster blieb mehr Platz für Verkehrsraum und durch Aussparung von Baufeldern auch für Plätze und innerstädtisches Grün, so wie man es hierzulande etwa von der Quadratestadt Mannheim kennt.

Im Dreißigjährigen Krieg wurde die Stadt erneut stark verwüstet und immer wieder von französischen Truppen besetzt. Im 18. Jahrhundert fiel Lothringen an das Königreich Frankreich, behielt jedoch eine Teilautonomie. Ludwig XV. übertrug die Provinz 1737 seinem Schwiegervater, dem abgesetzten polnischen König Stanislaus I. Leszczyn´ski, der fortan das Herzogtum regierte. Nach seinem Tod 1766 kamen Nancy und das Herzogtum endgültig zur französischen Krone. Elf Jahre später wurde die Stadt Bischofssitz des Bistums Nancy-Toul. Die Kathedrale Notre-Dame-de-l'Annonciation steht mitten in der Stadt.

Nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 verblieb Nancy beim französischen Kernland, da nur der nordöstliche, deutschsprachige Teil Lothringens an das Deutsche Reich abgetreten werden musste. Dort im neuen Reichsland Elsass-Lothringen prägte die wilhelminische Kaiserzeit ganz massiv die Stadtentwicklung, etwa in Metz und Straßburg. Nancy hingegen blieb von dieser "Regermanisierung" verschont und hat sich seinen französischen Charme bewahrt.

Im Ersten Weltkrieg wurde die Stadt wiederholt durch deutsche Luftstreitkräfte und Artilleriestellungen bombardiert, was erneut große Schäden anrichtete. Zudem waren 117 Menschenleben zu beklagen. Von 1940 bis 1944, im Zweiten Weltkrieg, lag Nancy im besetzten Teil Frankreichs. Nach dem Kampf um Nancy und der Schlacht um Lothringen, die abermals schwere Schäden verursachte, wurde die Stadt im September 1944 von der 3. US-Armee befreit. Seither ist Nancy wieder integraler Bestandteil Frankreichs, wurde Hauptstadt des Départements Meurthe-et- Moselle und erfand sich, wie so oft in seiner Geschichte, abermals neu.

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In den vier Platzecken sind aufwenige Gitter und Tore als repräsentative Ein- und Ausgänge installiert. Moderne Versenkpoller regeln die Zufahrtsberechtigungen. Foto:Thomas Herrgen

Universitätsstadt mit guter Anbindung

Heute ist Nancy die kleinste Großstadt Frankreichs. Auf der Liste aller Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern steht Lothringens Metropole auf dem letzten Platz 40, noch hinter Limoges, Argenteuil oder Metz. Doch auf der beengten Fläche (ca. 15 km²) leben rund 7000 Menschen pro Quadratkilometer. Diese Bevölkerungsdichte zählt zu den höchsten in Frankreich. In der Agglomeration (Grand Nancy) leben je nach Zählweise rund 250.000 bis 340.000 Menschen. Alle Städte und Gemeinden ringsum sind bis heute eigenständig geblieben, nennenswerte Eingemeindungen gab es nie. Seit 2008 gliedert sich Nancy in elf Stadtteile, ausgehend von der Ville Vieille Léopold (Altstadt), Centre Ville Charles III und Stanislas-Meurthe im Zentrum über acht weitere Bezirke bis zu den Rändern. Im Zuge dieser Dezentralisierung erhielt jeder Stadtteil ein eigenes Bürgerbüro, eine Postfiliale und mehrere Bezirke auch eine eigene Polizeistation (Gendarmerie).

2012 wurden die Universitäten von Metz und Nancy zur Université de Lorraine zusammengelegt, mit Sitz in Nancy. Die Fakultäten mit mehr als 52.000 Student*innen sind auf mehrere Alt- und Neubauten über das Stadtgebiet verteilt, so auch die Universitätsbibliotheken.

Der moderne Neubau für die Fakultät "Wissenschaften und Technologien" (Siences et Techniques) wurde auf dem Campus Aiguilettes im Südwesten der Stadt errichtet. Er befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft zum Botanischen Garten Jean-Marie Pelt, der 1975 eröffnet wurde.

Nancy ist über die französische Bahn SNCF regional und überregional gut angebunden. So fährt der TGV in 1:40 Stunden direkt nach Paris, über Metz dauert es etwas länger. Luxemburg im Norden ist etwa 100 Kilometer und Straßburg im Osten rund 150 Kilometer entfernt. Beide sind per Bahn und Straße gut angebunden. Die Bahnstrecke innerhalb von Nancy verläuft in nordsüdlicher Richtung mitten durch das Stadtgebiet. Der Hauptbahnhof "Nancy Ville" liegt entsprechend zentral und ist aus allen Stadtteilen gut erreichbar.

Eine Besonderheit in Nancy ist das ÖPNV-System mit der STAN-Bahn, eine technische Verbindung von Bus und Tram. Ein Monogleis im Straßenraum führt die Bahnen, die selbst jedoch wie ein Bus auf Gummireifen rollen. Am Beginn und Ende der Linien gibt es Einfädelstationen, ab dort fährt die "STAN" am Gleis entlang, vorher und nachher als dieselbetriebener Gelenkbus. Nur die Stadt Caen (Normandie) hatte noch das gleiche System (inzwischen jedoch aufgegeben), das als technisches Kuriosum zwar einen Sehenswürdigkeitsstatus erlangt hat, aber ebenso ein Auslaufmodell ist. Auch Nancy trennt sich 2022 davon und baut die Strecken in normale Straßenbahnlinien um.

Place Stanislas - zu Ehren des Königs

Das herausragendste Projekt der vergangenen Jahrzehnte war die 2004 begonnene Umgestaltung des Rathausplatzes mit dem erweiterten Umfeld. Der zwischen 1752 und 1755 ursprünglich als Place royale (Königsplatz) entstandene klassizistische Platz gehört bereits seit 1983 zum Weltkulturerbe der UNESCO, blieb aber noch mehr als zwei Jahrzehnte ein asphaltierter Parkplatz. Für eine Rekonstruktion fehlte den Denkmalschützern lange ein historisch verbindlicher Bezug. Als dieser eher zufällig gefunden wurde, kam das Acht-Millionen-Projekt ins Rollen und wurde 2005 abgeschlossen.

Im 18. Jahrhundert war der Neubau des Platzes das wichtigste städtebauliche und stadträumliche Projekt in Nancy. Den Anstoß dazu gab Stanis?aw Leszczyn´ski (französisch: Stanislas), der ehemalige polnische König. Sein Schwiegersohn, der französische König Ludwig XV., kürte ihn zum Herzog von Lothringen. Im zentralistischen Frankreich hatten Provinzpolitiker jedoch wenig Macht und so widmete Stanislas seine Amtszeit der Kultur und zahlreichen Bauprojekten, was das Herzogtum Lothringen und seine Hauptstadt Nancy fast in den Staatsbankrott getrieben hätte. Mit dem zu Ehren des Königs anfangs Place Royale genannten Stadtraum, als Teil eines Ensembles aus insgesamt drei Plätzen, sollte die mittelalterliche Stadt (vieille ville) aus dem 10. Jahrhundert mit der Neustadt (ville neuve) aus dem 16. Jahrhundert verbunden werden.

Städtebauliches Meisterstück

Und so arrangierte Architekt Emmanuel Héré das neue Rathaus (Hôtel de Ville) als südlichen Kopf, die Oper, Museen und Pavillons rings um den rechteckigen, großen Place Stanislas, dessen Mitte damals eine gusseiserne Statue des französischen Königs zierte. Die Zwischenräume der Gebäude wurden durch aufwändig kunstvolle Schmiedearbeiten im Rokoko-Stil und zwei Brunnen, am Übergang zu städtischen Parkanlagen geschlossen. So wirkt der Platz wie ein riesiges, städtisches Zimmer, das nur durch diese Tore betreten werden kann. Einen zusätzlichen Ein- und Ausgang nach Norden bildet der Arc Héré, ein kleiner Triumphbogen zu Ehren des Architekten, als Übergang zum nächsten Raum


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Der langgezogene Place de la Carrière verbindet den Stanislas-Platz mit dem ehemaligen Regierungssitz. Die beidseitigen Kastenlinden in Doppelreihe spenden Schatten oder ermöglichen Boulespielen darunter. Foto: Thomas Herrgen
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Der Place d\'Alliance entstand auf einem freigelassenen Karree in der Neustadt, als sehr klassischer französischer Platz mit Kastenlinden und einem reich verzierten Brunnen in der Mitte. Foto: Ulrich Oestringer
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Beim alljährlichen Licht- und Tonfestival wird der Place Stanislas bunt und lebendig inszeniert. Die Linien und Kanten der Rathausfassade werden – wie hier 2017 – spielerisch nachgezeichnet, untermalt von Musik. Foto: Ulrich Oestringer

Entlang des hier angrenzenden, lang gestreckten Place de la Carrière mit seinen Kastenlinden innerhalb einer wassergebundenen Decke - hier fanden früher herzogliche Reiterspiele statt - reihen sich Bürgerhäuser und kleine Palais von damals hohen Beamten, Ministern und Staatsbediensteten. Abschluss der etwa 400 Meter langen Achse ist heute der Place Charles de Gaulle vor dem umgrünten Palais du Gouvernement (Herzogspalast) und dem Musée Lorrain (Lothringen Museum). Südwestlich von Stanislas, am Nordrand der gerasterten Südstadt, wurde ein Baublock für den grünen Place d´Alliance freigelassen. Ihn ziert zentral ein Brunnen, an den Rändern gerahmt von Kastenlinden; ein formaler grüner Platz.

Nach der französischen Revolution wurde aus dem Place Royale der Place du Peuple (Platz des Volkes), später der Place Napoléon, schließlich wieder der Place Royale. Seit 1831 und Aufstellung der neuen Herzog-Statue aus Bronze heißt er bis heute durchgehend Place Stanislas, nach seinem Bauherrn.

Keine reine "Rekonstruktion"

Der Eintrag in die UNESCO Liste war schon lange Ansporn für die Stadt und die Zentralbehörde in Paris, etwas zu unternehmen. Nationalmonumente und Welterbeprojekte werden in Frankreich von der "Compagnie des architectes en chef des monuments-historiques" von der französischen Hauptstadt aus betreut. Für jedes Département ist dort ein Architekt verantwortlich, der archäologische Grabungen, alle Planungen, Genehmigung und die Realisierung leitet. Der für den Bezirk Meurthe et Moselle zuständige Pierre-Yves Caillault erforschte mit einem Archäologen den Untergrund, etwa nach altem Pflaster, oder Fundstücken und recherchierte Quellen. Doch erst 2003 fand man nach langer Suche einen historischen Plan, der als ausreichend sichere Quelle galt, um über das ursprüngliche Aussehen etwas Verbindliches sagen zu können. Alte Stiche und zeitgenössische Beschreibungen bestätigten dies zusätzlich.

Doch die anschließende Umplanung sollte trotzdem keine reine "Rekonstruktion" werden, sondern auch technisch auf Höhe der heutigen Zeit und nutzerfreundlich für Fußgänger sein. Neben der Verbannung von Pkw und Verlegung einer gut begehbaren Belagsoberfläche waren Lösungen für Entwässerung, Beleuchtung, Strom- und Wasseranschlüsse, sowie für die Brunnentechnik am Platzrand zu entwickeln und möglichst unauffällig zu integrieren.

Umbauarbeiten mit Hindernissen

Von Frühjahr 2004 bis Herbst 2005 wurde gebaut. Caillot hatte für die insgesamt rund drei Hektar großen Flächen, darunter den etwa 13.000 Quadratmeter großen Place Stanislas acht Millionen Euro zur Verfügung, die von Stadt, Region und Staat kofinanziert wurden. Der Großteil der Summe entfiel dabei auf den zentralen Platz mit Asphaltaufbruch, Bodenaushub und Entsorgung, Pflasterung und technischen Einbauten. Vor der Platzsperrung mussten Ersatzparkplätze im Stadtgebiet ausgewiesen und eine neue Verkehrsführung - über den Platz verlief eine Straße - beschildert werden. Der neue Belag besteht aus einem hellen, leicht gelblich beigen, großformatigen Travertin-Pflaster aus Kroatien im Zentrum und Platten im Rechteckformat des gleichen Materials in den Trottoirs der Randbereiche. Die gerundeten Bordsteine, ebenfalls Naturwerksteine aus Travertin, sind zugleich Platzkante und Wasserführung für die davor verlaufende, offene Rinne. Die Pflasterung der Platzmitte wurde entsprechend der historischen Vorlage mit zweireihigen Großpflasterbändern aus Basaltgestein ("Pierre du Héneau") gestaltet. Die Streifen laufen aus den Eckbereichen zur Statue in der Platzmitte oder gliedern die Flächen, wie etwa vor dem Arc Héré.

Im Stanislas-Platz wurde viel Technik versteckt. Die großzügige Beleuchtung mit historischen Aufsatzleuchten, heute in LED-Technik, Fassaden- und Bodenstrahlern, ist nicht nur Kulisse. Auf dem Platz werden seit der Umgestaltung jedes Jahr im Sommer auch Lichtspektakel (Festival du son et de la lumière) veranstaltet, die tausende Menschen anziehen (2020 wegen Corona jedoch nicht).

Die Entwässerung ist über offene Rinnen, Straßen- beziehungsweise Punkabläufe und fast unsichtbare Schlitzrinnen gewährleistet, die sich elegant in die Platzgestaltung einfügen. Die beiden in die nördlichen, schmiedeeisernen Gitter integrierten Fontänen (Neptun- und Amphitritebrunnen) wurden restauriert, neu abgedichtet und erhielten eine zeitgemäße Brunnentechnik. Im Platz versteckt sind darüber hinaus versenkbare Strom- und Wasseranschlüsse. Sie werden für Märkte, Feste und Ausstellungen zur Versorgung der Stände hochgefahren.

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Herzstück des Parc de la Pépinière ist ein "Musikkiosk" in Form eines Pavillons ... Foto: Wikimedia, \'Musicaline\'
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... Der Plan von 1874 wurde umgesetzt und die Kleinarchitektur dient noch heute für live Musikdarbietungen. Foto: Wikimedia, Plan-Prosper Morey (Archives municipales de Nancy, 1 Fi 2) 1874
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Im Park Sainte Marie steht eine sehr große und alte Magnolie (gepfl. 1909), die 2014 zum schönsten Baum des Jahres in Frankreich gewählt worden war. Foto: Wikimedia, \'Musicaline\'
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Die Flächen des heutigen Parks Sainte-Marie im Südwesten der Stadt wurden ursprünglich von Jesuiten landwirtschaftlich genutzt. Die Spuren sind noch ablesbar. Seit 1904 ist das Gelände ein öffentlicher Park. Foto: Wikimedia, \'Musicaline\'
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Der Botanische Garten Jean-Marie Pelt nahe der Universität wurde 1975 gegründet. Er bezog alte Bestandsgebäude und Bäume mit ein, wie hier im Bereich des Alpinums. Foto: Wikimedia, \'CJBN\'

Grünes Nancy - Parc de la Pépinière, Parc Sainte-Marie, Le Parc de la Cure d'Air

Nordöstlich an den Place Stanislas angrenzend liegt der 21,7 Hektar große, fast quadratische Parc de la Pépinière (Baumschulenpark). In Nancy nur kurz "la Pep" genannt war die Fläche seit 1765 die königliche Baumschule für die Anzucht von Straßenbäumen in ganz Lothringen und für Gehölze im Stadtgebiet. 1835 wurde die Baumschule aufgelöst, in 16 Felder aufgeteilt und in einen öffentlichen Park umgewandelt. Neben Wegen, Plätzen und Bänken enthält der "Pep" heute auch Brunnen, Pavillons und einen kleinen Streichelzoo.

Die zweitgrößte Grünanlage ist der Parc Sainte-Marie im Südwesten der Stadt, mit etwa 7,5 Hektar Fläche. Ursprünglich ein von Jesuiten landwirtschaftlich genutztes Anwesen und seit 1808 in einen privaten Park verwandelt, erwarb die Stadt Nancy 1904 das Gelände und entwickelte es zu einem öffentlichen Park. Neben dichtem Baumbestand und offenen Wiesen-/Rasenbereichen sind hier Skulpturen und Stelen für französische Dichter, Denker und Wissenschaftler aufgestellt. Eine 1909 gepflanzte Magnolie wurde 2014 zum schönsten Baum Frankreichs (arbre remarquable de France) gewählt.

Ein besonderes Kleinod ist Le Parc de la Cure d'Air im Nordwesten, der seit 1991 öffentlich zugänglich ist und an sieben Tagen die Woche von 8 bis 17 Uhr geöffnet hat. Auf einer Anhöhe von rund 300 Metern über NN gelegen ergeben sich aus der 2,5 Hektar großen Anlage mit vielen Wegen und einem großen Spielplatz gute Aussichten ringsum auf die Stadt, die etwa 100 bis 120 Meter tiefer liegt.

Auch zwei sehr große Friedhöfe gehören zum Freiraumkontext. Der ältere Cimetière de Préville mit israelitischem Friedhof liegt etwas nordwestlich des Zentrums, der neuere und viermal so große Südfriedhof entstand im Zuge der Errichtung der Südstadt. Beide zusammen nehmen eine Fläche von mehr als 30 Hektar im Stadtgebiet ein und weisen einen alten Baumbestand auf. Westlich der Stadtgrenze von Nancy schließen sich ausgedehnte Wälder und Forste an, im Osten dominiert Landwirtschaft. Die Wasseradern von Meurthe, Mosel und Kanälen durchfließen oder tangieren das Stadtgebiet, begleitet von grünen Ufern. Für die dicht besiedelte Stadt waren und sind Grün- und Freiräume essenziell, auch im Zuge der Corona-Pandemie, als die Region Grand Est besonders hart betroffen war.

Lebendiges Nancy

Der 1755 erstmals eingeweihte Place Stanislas wurde 2005 zu seinem 250. Jubiläum wiedereröffnet. Zu den Feierlichkeiten nach Umbau und Rekonstruktion am 19. Mai kamen auch der damalige französische Präsident Jacques Chirac, Bundeskanzler Gerhard Schröder und der polnische Ministerpräsident Aleksander Kwasniewski zu ihren Konsultationen im Rahmen des "Weimarer Dreiecks". Rund um den Platz haben sich zahlreiche Cafés und Restaurants etabliert, ein Hotel hat eröffnet, die Museen und die Oper sind weiterhin vor Ort. Es finden Konzerte unter freiem Himmel, gelegentlich auch Feuerwerke und das Lichtfestival statt. Nicht zuletzt wird der steinerne Platz regelmäßig "begrünt", wenn temporäre Gärten (Jardins éphémères) den Rahmen einer grünen Messe bilden.

Ansonsten wird in der "guten Stube" von Nancy flaniert, geflirtet, gegessen, getrunken und man verabredet sich bei Stanislas. Die benachbarten und weiter entfernt liegenden Parks und Plätze versorgen die gesamte Stadt dezentral mit Grün, Freiräumen, Spielplätzen und Kultur. Dem "Pep" als größter Grünfläche mit Volksparkcharakter kommt dabei eine besondere Rolle zu. Einheimische, Gäste und Touristen füllen die Freiräume und die Umgestaltung des Rathausplatzes als Herzstück aller Freiräume war offenbar ein großer Erfolg mit nachhaltiger Wirkung.

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Im Zuge der Neugestaltung des Stanislas-Platzes wurde ein ausgetüfteltes Beleuchtungskonzept installiert. So erstrahlt etwa die Rathausfassade durch indirektes, blendfreies warmes LED-Licht. Foto: Ulrich Oestringer
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Nancys ÖPNV basiert im Kern derzeit noch auf der "stanway", einer Hybridtechnik zwischen Bus und Straßenbahn mit Monogleis. Das anfällige System wird jedoch 2022 aufgegeben und durch eine normale zweigleisige Tram ersetzt. Foto: Ulrich Oestringer

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Dipl.-Ing.(FH) Thomas Herrgen
Autor

Landschaftsarchitekt

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