Zur strategischen Bedeutung des Schnitts

Blumenwiesen: Insektenparadies oder ökologische Falle?

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Blumenwiesen sind entstanden, als Bauern anfingen Heu zu machen. Größere Mengen Heu konnten aber erst mit der Erfindung der Sense in der Eisenzeit, ungefähr 1000 v.u.Z. gewonnen werden. Dreitausend Jahre, das ist eine kurze Zeit, wenn wir die Zeiträume betrachten, die für Evolution neuer Arten und neuer Anpassungen notwendig sind. Es überrascht also nicht, wenn Kratochwil (1989) feststellt, dass es in Glatthaferwiesen kaum biotopeigene Blütenbesucher gibt, sondern dass sie in ihrer Fauna abhängig sind von der Umgebung.
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Abb. 1: Wiesenmahd in der industrialisierten Landwirtschaft. Foto: Ulrike Aufderheide

Unsere Wiesenarten müssen sich also in anderen Lebensräumen entwickelt haben: Blumenwiesen sind Ersatzlebensräume für viele Arten der beweideten Grasländer, die es in Mitteleuropa, im Gegensatz zu den Wiesen, seit Jahrmillionen gibt – nach der letzten Eiszeit freigehalten durch große weidende Wildtierarten wie Wisent, Auerochse, Wildpferd und Rothirsch, in der Zeit davor auch von einer afrikanisch anmutenden Wildtierfauna einschließlich Elefanten, Nashörnern und Nilpferden. Seit ungefähr 5000 Jahren, seit der Neolithischen Revolution, halten zunehmend nicht mehr Wildtiere, sondern unsere Nutztierarten die Landschaft offen.

Mehrfach im Jahr eine Katastrophe: der Schnitt

Wenn es in einer Kommune viele so genannte "Blühflächen" gibt, können die Grünflächenämter von neuen Beschwerdeanrufen berichten. Während früher angerufen wurde, wenn längere Zeit nicht gemäht wurde, rufen heute besorgte Bürgerinnen und Bürger an, weil gemäht wird, "wo es gerade so schön blüht". Diesen Personen wird dann geduldig erklärt, dass Wiesen eben gepflegt werden müssen und dass die Pracht der Blumenwiese verschwindet, wenn nicht mehr gemäht wird.

Dabei hat die besorgte Anruferin im Grunde recht: der Schnitt der Blumenwiese ist immer eine Katastrophe für die Tierwelt. Das gilt insbesondere für den vollständigen Zusammenbruch des Lebensraumes Blumenwiese, wie er aufgrund von EU Förderbedingungen in den ersten warmen Tagen nach Mitte Juni fast europaweit stattfindet. Die Blumenwiese ist ein Ersatzlebensraum für viele Tierarten, die über Jahrmillionen in der ursprünglich beweideten und – in den Kaltzeiten – mehr oder – in den Warmzeiten – weniger offenen Mitteleuropäischen Naturlandschaft entstanden sind (Aufderheide 2023).

Aber stellt die Blumenwiese als evolutiv sehr junger Lebensraum auch alle Ressourcen, um die Populationen der Wiesentiere zu stützen? Oder kann es auch sein, dass die Katastrophe der Mahd die Mähwiese für etliche der Wiesenarten zu einer ökologischen Falle werden lässt, dass sie also die Tiere nur anlockt und die Populationen dann durch die Auswirkungen der Mahd eher geschädigt werden?

Im Folgenden sollen einige Tiergruppen daraufhin betrachtet werden. Zum Schluss soll dann die Frage beantwortet werden, wie eine biodiversitätsfördernde Blumenwiesenpflege aussehen könnte.

Jede Pflanze ist ein Lebensraum

Durch die Konzentration auf Blüten, Bienen und andere Bestäuber ist die Vielfalt der Nutzer von lebendem Pflanzengewebe, sind die "herbivoren" Arten lange übersehen worden. Sie sind nur von Spezialisten durch aufwändiges Sezieren der Pflanzen oder Auffangen der schlüpfenden erwachsenen Tiere zu bestimmen.

Dabei ist jede Pflanze eigentlich ein eigener Lebensraum mit Nahrungsnetzen, die fast ausschließlich in und an einer einzigen Pflanze verortet sind. So fanden Krüss & Tscharnke (2000) allein in den Blüten des Rotklees (Trifolium pratensis) 23 Insektenarten, acht herbivore Arten und 15 Parasitiode. Sieben der acht herbivoren Arten sind ausschließlich in Rotklee zu finden, eine auch in Blüten des Weißklees (Trifolium repens). Von den 15 parasitoiden Arten nutzen zwölf nur Wirte in Rotkleeblüten, vier nutzen auch solche in Weißklee oder Zaunwicke (Vicia faba). Eine generalistische Art, die polyphage Erzwespe Eupelmus vesicularis ist auf zahlreichen Pflanzenarten zu finden.

Jedes Pflanzenorgan, egal ob Blüte, Samen, Stengel, Blätter oder Wurzeln wird von einer eigenen Herbivorenfauna genutzt. Auf der informativen Netzseite https//:bladmineerders.nl kann der aktuelle Wissensstand für jede Pflanzenart Europas recherchiert werden.

Hier ist zu sehen, dass oft mehr als 100 Parasitenarten einheimische krautige Pflanzenarten nutzen, bei Bäumen sind es oft hunderte Arten (Exotische Arten weisen eine wesentlich artenärmere Fauna auf.) Da stellt sich die Frage, warum es überhaupt gesund aussehende Pflanzen in Blumenwiesen gibt. Der Grund liegt darin, dass alle Pflanzennutzer wiederum Futter für weitere räuberisch lebende, parasitische oder parasitoide Arten sind.

Bei der Nutzung einer Wiese verschwindet der Lebensraum "Pflanze" im Heu, in der Silage oder im Tiermaul. Nun produziert die Natur immer Überfluss. Ein einzelnes Tiermaul oder auch eine lokal weidende Herde, aber auch die traditionelle sukzessive Heumahd mit der Sense nutzten immer nur kleine Flächen und ließen immer noch genügend Lebensraum unberührt.

Heute ist die flächendeckende Entleerung der Landschaft das Problem. Unterschieden werden muss auch zwischen der modernen Mahd mit sehr schnell über die Fläche fahrenden Geräten und anschließender Konditionierung (Quetschen) für Silage und dem traditionellen Heuboden, wo zumindest schon verpuppte Larven noch die Chance hatten, auszuschlüpfen.

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Abb. 2: Die Pracht der Blumenwiesen ist aus unserer Landschaft fast komplett verschwunden.Wie sehr auf blütenreichen Flächen die biologische Vielfalt geförtert wird, hängt von der Pflegestrategie ab. Foto: Ulrike Aufderheide
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Abb. 3: Rotklee (Trifolium pratense). Foto: Ulrike Aufderheide
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Abb. 4: Wiesenpippau (Crepis biennis). Foto: Ulrike Aufderheide

Bohrfliegen (Tephritidae)

Viele Bohrfliegenarten sind auf Korbblütler (Asterraceae), spezialisiert, ihre Larven entwickeln sich oft in den Blütenköpfen ihrer Wirtspflanzen, wie etwa die auf Magerwiesenmargeriten (Leucanthemum vulgare) spezialisierte Magerwiesenmargeritenbohrfliege (Tephritis neesii). Die Blüten dienen als Rendevous-Plätze für Männchen und Weibchen, Eier werden in den Blütenboden gelegt. Die Entwicklung der Larven dauert dann 20–40 Tage.

Es gibt Arten, die sofort nach der Verpuppung schlüpfen während andere als Puppe in den vertrockneten Blütenköpfen überwintern, dazu gehört die Magerwiesenmargeritenbohrfliege. Diese Art hatte also in der traditionellen Landwirtschaft vielleicht noch eine Chance, sich fortzupflanzen, in einer Landwirtschaft ohne Heuboden nicht mehr. Eine Bohrfliegeart kann heute in einer Heuwiese nur dann reproduzieren, wenn es den Larven gelingt, ihren Lebenszyklus vor der Heumahd abzuschließen und vorher zu schlüpfen.

Eine solche Art ist die Wiesenpippau-Bohrfliege (Tephritis crepidis), die zur Zeit der Samenreife aus den Puppen schlüpft. Wenn also erst nach der Samenreife des Wiesenpippaus (Crepis biennis) gemäht wird, dann haben beide Arten noch eine Chance, der zweijährige Wiesenpippau, der darauf angewiesen ist, dass er sich erfolgreich aussäen kann und seine Bohrfliege.

Beim Wiesenpippau fand Stickroth (1996) interessante Anpassungsprozesse einer Pflanze an die Wiesenmahd. Diese Art ist vor ungefähr 4000 Jahren durch Hybridisierung entstanden. Wie der Glatthafer (Arrhenatherum elatius) hat sich der Wiesen-Pippau erst in der Neuzeit ausgebreitet. Es gibt eine früh- und eine spätblühende Population, die eine blüht vor, die andere nach der ersten Wiesenmahd.

Nur die frühblühende Population wird von der Pippau-Bohrfliege genutzt. Die meisten Herbivoren des Wiesenpippau finden sich im unteren Bereich der Pflanze, also in Wurzeln, am Wurzelhals und im unteren Stengelbereich und entgehen damit der Mahd. Wiesenpippau-Pflanzen in Brachen haben aber eine artenreichere Herbivorenfauna als solche in Wiesen, selbst die Fauna dieser evolutiv jungen, durch die Mahd geförderte Art wird also durch die Mahd geschädigt.

Schmetterlinge (Lepidoptera)

Falter werden als relativ große Tiere durch die Mahd leicht geschädigt, haben aber noch immer eine gewisse Chance, vor einem nicht zu schnell fahrenden Mahdgerät zu fliehen. Außerdem leben adulte Falter meist nur wenige Tage, entgehen also auf Grund ihrer Kurzlebigkeit oft der Mahd.

Die immobileren Lebensstadien Ei, Raupe und Puppe leben länger, sind also wesentlich verletzlicher und können die Mahd nur überleben, wenn sie eher am Boden zu finden sind. So legen die Weibchen des Hauhechelbläulings (Polyommatus icarus) ihre Eier bevorzugt auf kurzrasigen, also beweideten oder frisch gemähten Flächen, vor allem an Hornklee (Lotus corniculatus).

Die Larven werden von Ameisen ähnlich wie Blattläuse gemolken und gegenüber Fressfeinden geschützt. Puppen werden oft in Ameisennester eingetragen. Wenn das vor der nächsten Mahd geschieht, kann der Hauhechelbläuling sich in mageren Wiesen fortpflanzen. Die Art hat zwei Generationen und überwintert als Raupe.

Auch der Schachbrettfalter kann der Mahd entgehen, da die Weibchen die Eier auf den Boden fallen lassen. Die Jungraupen überwintern ohne Nahrungsaufnahme. Die älteren Raupen fressen an verschiedenen Gräsern und sind nachtaktiv, die Verpuppung findet in einem Gespinst am Boden statt. (Settele et al. 2005)

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Abb. 5: Schachbrettfalter (Melanargia galathea). Foto: Ulrike Aufderheide
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Abb. 6: Punktierte Zartschrecke (Leptophyes punctatissima). Foto: Ulrike Aufderheide
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Abb. 7: Veränderliche Krabbenspinne (Misumena vatia). Foto: Ulrike Aufderheide


Der Blauschillernde Feuerfalter (Lycaena helle) ist das Beispiel für eine Schmetterlingsart, die mit der Wiesenmahd nicht zurechtkommt. Die Larven fressen ausschließlich an Schlangenknöterich (Bistorta officinalis), einer typischen Art der feuchten Bergwiesen in kühler Lage. Eier werden bevorzugt in lückigem, windgeschützten, gut besonnten Pflanzenbestand abgelegt, auch in Brachen und im aufgelichteten Wald. Die Raupen überwintern an Stengeln, die Art kann sich also in Wiesen nicht reproduzieren, nur in Säumen und Brachen. Dort verschwindet jedoch die Futterpflanze, der Schlangenknöterich nach einiger Zeit.

Die Populationen des Blauschillernden Feuerfalters können also nur auf Weiden und auf gelegentlich gemähten Brachen überleben. Mehrschürige Wiesen sind für die Art kein Lebensraum, sondern eine ökologische Falle. Dies Schicksal teilt er übrigens mit vielen so genannten "Wiesenvögeln", die ja eigentlich Weidevögel sind. (Aufderheide 2023)

Kleinzikaden (Cicadellidae)

Zikaden gehören zu den saugenden Insekten mit einer unvollständigen Verwandlung. Es gibt also kein Puppenstadium, sondern Nymphen, die dem erwachsenen Tier immer ähnlicher werden. Auch Zikaden sind oft stark spezialisiert. Sie sind winzig klein, aber vor allem auf historisch alten Weiden in großer Arten- und Individuenzahl vorhanden. Nickel (2017) fand 1000 bis 8000 Individuen pro Quadratmeter. Auf Wiesen kommen sie in viel geringerem Maße vor als auf Weiden, wobei auf artenreichen Wiesen und Weiden die Anzahl der Arten abhängig ist von der Anzahl der Pflanzenarten.

Blattläuse (Aphidae)

Auch Blattläuse gehören wie die Zikaden zu den Schnabelkerfen und saugen ebenfalls an Pflanzen, wobei auch hier die Beziehung zur Futterpflanze meist sehr spezifisch ist. Oft saugen gleich mehrere Blattlausarten an einer Pflanzenart. Blattläuse sind ein gutes Beispiel dafür, dass nicht nur jede Pflanze, sondern auch jedes Insekt ein eigener Lebensraum ist.

Jedes Insekt hat – wie jede Pflanzenart – arteigenen Parasiten, Parasioide und Symbionten. Blattläuse saugen Pflanzensäfte und müssen deshalb sowohl mit den Abwehrstoffen der Pflanzen als auch mit der Armut der Pflanzensäfte an Vitaminen und essentiellen Aminosäuren zurechtkommen. Sie leben deshalb in enger Symbiose mit Bakterien, die die Abwehrstoffe entgiften und Stoffe synthetisieren, die im Pflanzensaft nicht enthalten sind. Teilweise haben sie sogar die Gene der Bakterien in ihre eigene Erbinformation integriert (Wybouw et al. 2016).

Solch ein "Horizontaler Gentransfer" ist einer der Beschleuniger von Evolution, der übrigens auch für die Evolution der Blattläuse jagenden Marienkäfer gilt (Li et al. 2019).

Während Zikaden oft erstaunlich weit springen können, sind Blattläuse mit ihren Mundwerkzeugen fest in der Pflanze verankert oder krabbeln nur sehr langsam. Soweit sie an den oberen Pflanzenteilen saugen, werden sie unweigerlich mitgeerntet und verschwinden dann aus den Nahrungsketten, fehlen also als Futter für Insektenfresser.

Heuschrecken (Orthoptera)

Auch Heuschrecken haben eine unvollständige Verwandlung. Die meisten Arten ernähren sich von Gräsern, es gibt aber auch omnivore (Allesfresser) oder räuberisch lebende Arten. Ein experimenteller Ausschluss von herbivoren Heuschreckenarten aus Blumenwiesen, zum Beispiel durch die Anwendung von Insektiziden oder durch Einhausen mit Netzen führt zu einem verstärkten Wachstum der Gräser und zur Verdrängen der Kräuter. (Scherber et al. 2010).

Der floristische Artenreichtum hängt also auch von einer artenreichen Tierwelt ab. Dies ist vielleicht neben der Nährstoffanreicherung und der Verfilzung ein unerkannter Grund für die "Vergrasung" von regelmäßig gemulchten Wiesen, denn das Mulchen ist ja besonders schädigend für die Wiesentiere.

Heuschrecken überwintern zumeist als Ei am Boden und haben deshalb im Gegensatz zu Insekten, die als Puppen in Stengeln oder Blütenköpfen überwintern, bessere Chancen auf Mähwiesen den Winter zu überstehen. Allerdings sind die meisten Heuschreckenarten recht groß und werden deshalb leicht durch rotierende Messer geschädigt.

Wenn das Mahdgut, wie heute üblich, nicht auf der Fläche getrocknet, sondern sofort aufgenommen wird, dann überleben nur wenige Heuschrecken die Mahd. Auf Weiden finden sich wesentlich mehr Heuschrecken als auf Heuwiesen, übrigens auch mehr als auf Brachen, denn Heuschrecken brauchen eine eher lückige und durchsonnte Vegetation (Brandt 2017).

Spinnen (Arachnida)

Spinnentiere leben räuberisch, zumeist von Insekten. Arten, die wie die Veränderliche Krabbenspinne (Misumena vatia) auf Blüten oder Blättern jagen, werden durch die Mahd unweigerlich erfasst. Auch Kokons mit Eiern und Jungtieren in diesen Bereichen werden durch die Mahd geschädigt. Nur bodenjagende Arten und solche, die im Boden überwintern, werden weniger geschädigt. Mit der Mahd verschwindet aber auch die Nahrung der Spinnen, die vielfältige Insektenfauna. Da viele Tiere im Boden überwintern, werden Spinnen vor allem durch eine sehr frühe oder sehr späte Mahd nicht so stark geschädigt.

Beutegreifer: Käfer (Coleoptera)

Es gibt zahlreiche an Pflanzen fressende Käferarten, wie zum Beispiel Blattkäfer (Chrysomelidae) oder Rüsselkäfer (Curculionidae). Etliche Arten ernähren sich aber von anderen Insektenarten. Ähnlich wie andere größere Insekten werden sie durch die Mahd direkt geschädigt.

Für Käfer und Spinnen konnte aber ein Effekt nachgewiesen werden, den wir auch aus der Vogelwelt kennen: frisch geschnittene Wiesen ziehen Beutegreifer und Aasfresser wie Krähen, Störche oder Reiher an, denn hier gibt es reichlich einfache Beute. Auch wenn die Werte jeweils unter der nicht gemähten Kontrolle lagen, so stieg bei einer frühen Mahd die Aktivitätsdichte von Käfern und Spinnen nach der Mahd. (Lafage & Petillon 2014))

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Abb. 8: Waldeidechse (Zootoca vivipara). Foto: Ulrike Aufderheide
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Abb. 9: Schwebfliege (Mistbiene – Eristalix tenax). Foto: Ulrike Aufderheide
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Abb. 10: Gehäuseschnecken. Foto: Ulrike Aufderheide

Beutegreifer: Reptilien und Amphibien

Wirbeltiere sind viel größer als Insekten und werden von konventionellen Mähgeräten meist stark geschädigt, aber auch der Balkenmäher ist keineswegs harmlos, obwohl er heute als die beste Mahdtechnik eingeschätzt wird.

So schrieb Heinz von Ragnow 1934: "Weite Wiesen, ehemals die froschreichsten in hiesiger Gegend, in der Mark Brandenburg, sind seit Benutzung der Mähmaschinen einfach ohne Frösche. In den ersten Jahren ihrer Einführung war das Mähen mit Maschinen wegen der Menge der in die Messer geratenen Frösche oft sehr schwer, alle 20 Meter fast mussten die verstümmelten und zerquetschten Frösche daraus entfernt werden. Ein furchtbarer Anblick für den Naturfreund! Heute passiert das kaum mehr, eben weil keine Frösche mehr da sind." Unmengen von Fröschen im Balkenmäher? Den Artenreichtum der traditionellen Kulturlandschaft können wir uns heute nicht mehr vorstellen.

Schwebfliegen (Syrphidae)

Schwebfliegen sind relativ agile Blütenbesucher. Etliche Schwebfliegenlarven ernähren sich allerdings weniger agil als wurmartige Larven von Blattläusen. Sie werden ähnlich wie ihre Beute von der Mahd geschädigt. Arten, deren Larven sich anderweitig ernähren, zum Beispiel in schlammigen Pfützen, in Ameisenbauten, von toten Hautflüglern oder in Dung profitieren als erwachsene Tiere vom Blütenreichtum ungemähter magerer Wiesen und von ihrer kurzen Lebensdauer, verbunden mit zügiger Partnersuche und Eiablage, wodurch sie so mancher Mahd entgehen.

Wildbienen (Apoidea)

Wildbienen sind tatsächlich eine Tiergruppe, die unter bestimmten Voraussetzungen von Blumenwiesen profitiert. Dies liegt daran, dass sie meist eine nur wenige Wochen dauernde Flugzeit haben und während dieser Zeit zahlreiche Blüten ihrer Pollenpflanzen brauchen.

Wenn in der Nähe der Blumenwiesen geeignete Nistplätze und Nistbaumaterialien vorhanden sind, die Flugzeit außerhalb der Mahdzeitpunkte liegt und die benötigten Pflanzenarten in ausreichender Menge in der Wiese wachsen, dann fördern Blumenwiesen Wildbienen. Dies muss jedoch in Relation zu den anderen Tiergruppen gesetzte werden. Es gibt ungefähr 38.000 Insektenarten in Deutschland (Nuß 2023) davon etwas weniger als 600 Wildbienenarten.

Schnecken (Gastropoda)

Der Reichtum an Weichtieren auf Wiesen und Weiden ist kaum bekannt. So gibt es gerade in mageren Wiesen und Weiden viele Gehäuseschneckenarten. Einige Arten, wie Vallonia pulchella, dienen Paläontologen zum Nachweis baumarmer Landschaften in der Vergangenheit. (Haft 2019). Gerade Gehäuseschnecken halten oft einen "Trockenschlaf" an Stengeln über der Erde und können dann durch die Mahd geschädigt werden.

Pilze (Fungi)

Pilze gehören weder zu den Pflanzen noch zu den Tieren. Sie leben oft in anderen Pflanzen und Tieren oder im Boden. Die Mahd kann Fruchtkörper von Großpilzen schädigen, wesentlich empfindlicher sind sie allerdings gegenüber Düngung mit mineralischem Dünger. So finden sich die farbenfrohen Saftlinge nur auf alten und nicht gedüngten Wiesen und Weiden (Haft 2019).

Alltagstägliche Lösungen: Die Extensive Weide als Vorbild

Die Tiere der Blumenwiesen finden auf extensiven Weiden zumeist den besser geeigneten Lebensraum. Wenn wir uns also in der Pflege von Blumenwiesen nicht an der Pflege traditioneller Heuwiesen des frühen zwanzigsten Jahrhunderts, sondern an extensiven Weiden orientieren, dann wird die Wiese für weniger Arten zur ökologischen Falle und kann die biologische Vielfalt besser fördern (Aufderheide 2023).

Im besiedelten Raum, wo keine Naturschutzauflagen oder Produktionszwänge wirken, besteht die Chance die Förderung der biologischen Vielfalt zum Hauptziel der Wiesenpflege zu machen, also: Tierschonendere Mahdmethoden wie zum Beispiel den Grünpflegekopf ECO 1200 plus von MULAG (Steidle et a. 2022), Verzicht auf Mulchmahd, Mahd mit langsam fahrenden hochgestelltem Balkenmäher, Altgrasstreifen und Mosaikmahd, Verzicht auf die jährliche Mahd von Säumen.

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Abb. 11: Altgrasstreifen. Foto: Ulrike Aufderheide

Mit Altgrasstreifen und Mosaikmahd kommt dann ein Strukturreichtum auf die vormals homogenen Flächen. Dies kann auch gestalterisch genutzt werden, indem mit dem Mäher temporär schöne Räume geschaffen werden. Oder die Mitarbeitenden dürfen in einem "Schnittmusterwettbewerb" ihrer Kreativität freien Lauf lassen.

Am besten ist aber natürlich das Original: wo es möglich ist, sollte auch eine extensive Beweidung in Betracht gezogen werden, die ja in historischen Parks aus der Zeit vor der Erfindung des Rasenmähers der historischen Realität entspricht.

Dipl.-Ing. Ulrike Aufderheide
Autorin

Calluna Naturnahe Garten- und Grünplanung

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