Studentische Konzepte für den Ferdinandfriedhof in Buxtehude

Friedhof, quo vadis?

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Abb. 1: Ausrangierte Grabmale und improvisierter Lagerraum im östlichen Bereich des Ferdinandfriedhofs der St.-Petri-Kirchengemeinde in Buxtehude. Foto: Silvia Beretta

Abb. 2: Alter Baumbestand und leere Grabstellen auf dem Ferdinandfriedhof. Foto: Silvia Beretta

Abb. 3: Lage des Friedhofs in der Ferdinandstraße in Buxtehude: an der Bahnlinie und zwischen zwei zusammengewachsenen Stadtteilen. Zeichnung: Mirjam Konrad und Marius Wiechert

Bestattungskulturen verändern sich, Überhangflächen auf Friedhöfen nehmen zu und gleichzeitig steigt der Flächendruck in Metropolregionen. Immer mehr Friedhöfe stehen vor strukturellen, (städte-)baulichen und ökonomischen Herausforderungen, die es zu lösen gilt. So auch der innerstädtische Friedhof der evangelisch-lutherischen St.-Petri-Kirchengemeinde in Buxtehude. Mit dem Ziel, frische Ideen für dessen Entwicklung zu gewinnen, wandte sich die Gemeinde an den Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur der RWTH Aachen University. Und so entwickelten 16 Studierende Konzepte für die zukünftige Entwicklung des Buxtehuder Ferdinandfriedhofs in einer gemeinsamen Planungswerkstatt im Wintersemester 2019/20.

Friedhöfe brauchen neue Konzepte

Vielerorts sind sie zu finden, jeder kennt sie: In die Jahre gekommene Friedhöfe, die die Frage nach zukunftsweisenden Entwicklungsmöglichkeiten aufwerfen. Ihr Erscheinungsbild zeichnet sich meist durch leerstehende Grabstellen, wild aus den Gräbern gewachsene Bepflanzung und eine bunte Sammlung unterschiedlichster Grabmale aus. Gestaltungskonzepte sind oft nur noch in ihren Grundzügen erkennbar und verblassen mit anwachsenden Überhangsflächen weiter. Die Gründe dafür? Die klassische Erdbestattung wird zunehmend durch Urnenbestattung abgelöst, die deutlich weniger Fläche in Anspruch nimmt. Hinzu kommen Trends wie die Beisetzung im Friedwald oder Seebestattungen, die zu immer geringeren Beisetzungszahlen auf konventionellen Friedhöfen und folglich wirtschaftlichen Schwierigkeiten führen. Sollen diese Friedhöfe erhalten und zukunftssicher gemacht werden, muss ihre Rolle für die Gesellschaft neu interpretiert und ihre Verknüpfung mit dem Umfeld gestärkt werden. Hierfür gilt es, Friedhöfe auf funktionaler, ökologischer und räumlicher aber auch auf gesellschaftlicher, spiritueller und denkmalpflegerischer Ebene zu ergründen und neu zu denken.

Friedhofsplanung - Schnee von gestern oder brandaktuell?

Friedhöfe dienen in erster Linie als Bestattungsort für verstorbene Familienmitglieder und Freunde. Als Orte der Trauer, der Ruhe, des Rückzugs haben sie eine spirituelle Bedeutung. Doch darüber hinaus übernehmen sie weitere, vielschichtige Funktionen: Sie sind soziale Treffpunkte, sind bedeutend für die Hygiene der Städte und dienen zahlreichen Tier- und Pflanzenarten als Habitat. Sie dokumentieren Geschichte, Gesellschaft und Baukultur und sind kulturelles Erbe. Trotz ihrer großen Relevanz für die Gesellschaft erhielten sie lange Zeit wenig Aufmerksamkeit. Das war nicht immer so.

Bis in die 1960er-Jahre hatte die Planung und Gestaltung von Friedhöfen und ihrer Gebäude einen sehr großen Stellenwert im Arbeitsalltag der Architekt*innen und Landschaftsarchitekt*innen, dementsprechend auch in den Entwurfsprojekten an den Ausbildungsstätten und in (Studierenden-)wettbewerben. Mit schwindendem Bedarf an neuen Friedhöfen, zunehmendem Umweltbewusstsein und wachsender Nachfrage nach modernen Freiraumtypen verschwand das Thema dann aber immer mehr aus dem Aufgabenfeld der Planer*innen und wurde auch in der Ausbildung zur Inselerscheinung.¹ Seit einigen Jahren zeichnet sich jedoch wieder ein erhöhter Handlungsbedarf und somit auch wachsendes Interesse an der Friedhofsplanung ab.²

Abb. 4: Planungswerkstatt: Diskussion der Entwürfe mit einer Abordnung der St.-Petri-Kirchengemeinde. Von links nach rechts: Dr. Wolf-Dieter Syring, Pastor Michael Glawion, Prof. Dr.-Ing. Frank Lohrberg, Mirjam Konrad. Foto: Katharina Christenn

Abb. 5: Planungswerkstatt: Analyse- und Zeichenworkshop in Aachen. Foto: Katharina Christenn

Im Zentrum der fachlichen Diskussionen steht die Frage, wie der Friedhof der Zukunft aussehen könnte. Wie kann seine Bedeutung als Trauerort gestärkt und sein kultureller Wert hervorgehoben werden und welche zusätzlichen urbanen Funktionen könnte er aufnehmen? Neue Ideen und Ansätze für die räumliche, funktionale und soziale Verknüpfung der Friedhöfe mit ihrer Umgebung werden dringend benötigt. Denn eine einfache Neuauflage der klassischen, oftmals konfessionsgebundenen Friedhöfe kommt im Kontext planerischer Diskussionen um städtische Freiraumsysteme und interkulturelle Trauerkultur wohl kaum mehr in Frage.

Das studentische Entwurfsprojekt "Friedhof - quo vadis?" setzte genau an dieser Stelle an. Es war ein Experimentierfeld für mutige Ideen in der Friedhofsplanung und eine Einladung an die Studierenden, über ein Semester hinweg verschiedenste Friedhofskonzepte zu reflektieren, neu zu interpretieren und individuelle Entwurfsideen für den Friedhof der Kirchengemeinde St. Petri in Buxtehude zu formulieren. Der Ferdinandfriedhof war dabei ein ideales Fallbeispiel für eine Entwicklung, die sich an vielen Orten feststellen lässt.

Friedhof sucht. Neue Perspektiven für den innerstädtischen Ferdinandfriedhof

Der ursprüngliche Friedhof umgab die repräsentative gotische Stadtkirche. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde er aus der Stadt auf den höher gelegenen Geesthang verlegt. Heute liegt der Friedhof an der Ferdinandstraße zwischen zwei zusammengewachsenen Stadtteilen erneut in einem urbanen Umfeld, ist nur wenige Gehminuten vom Bahnhof entfernt, gut mit dem Bus erreichbar und verfügt über zahlreiche Parkplätze. Dennoch werden dort immer weniger Menschen beigesetzt; sehr viele Personen bevorzugen den Waldfriedhof am Rand der Stadt. Folglich werden viele Flächen nicht nachbelegt, die Finanzierung des Friedhofs wird problematisch und das Gesamtbild der Anlage löst sich zunehmend auf.

Trotz der günstigen Lage zu Zentrum und Bahnhof sowie einem Grünzug und Siedlungsgebieten wird der Friedhof mit seinem schönen alten Baumbestand bisher weder als besonderer Ort mit kultureller Bedeutung, noch als öffentlicher grüner Freiraum wahrgenommen. Durch seine interessante, innerstädtische Lage könnte er aber - mit dem richtigen Konzept - eine zentrale Rolle im städtischen Freiraumsystem spielen. Die Mitglieder der Gemeinde St. Petri sind sich einig: Sie möchten den Friedhof erhalten und umgestalten, aufwerten und stärker in die Umgebung einbinden. Hierzu suchten sie Ideen und umsetzbare räumliche Konzepte.

Friedhof verstehen. Eine Planungswerkstatt von Studierenden und Kirchengemeinde

Besonders wichtig für den Erfolg des Projektes war ein mehrtägiger Aufenthalt in Buxtehude, in dem die Masterstudierenden ihr Projektgebiet kennenlernten, vor allem aber auch den Kontakt mit der Kirchengemeinde fanden. In Führungen über die lokalen Friedhöfe, bei gemeinsamen Mahlzeiten mit dem Kirchenvorstand, bei einem offenen Diskussionstermin am Friedhof und in Einzelgesprächen mit Pastoren, Friedhofsvorstand und -verwaltung, lernten die Studierenden die Perspektiven der einzelnen Personen und ihre jeweiligen Nutzungsanforderungen an den Ort kennen. Für sie galt es einerseits die Vorstellungen der unterschiedlichen Personen anzuhören, und andererseits, die Gemeinde mit in die Ideengewinnung einsteigen zu lassen. Dabei erfuhren sie, welche zentrale Bedeutung die Moderation heterogener Gruppen in demokratisch organisierten Planungsprozessen einnimmt und was die Arbeit mit einer Kirchengemeinde als Bauherrin bedeutet. Sie erhielten Einblick, welche komplexen und sensiblen Kommunikationsprozesse erforderlich sind, und wie es in diesem Umfeld gelingen kann, dabei den eigenen Blick auf den Raum zu bewahren und neue Ideen zu entwickeln. Gemeinsame Kolloquien und die Abschlusspräsentation boten beiden Seiten Gelegenheit zur Diskussion der Entwürfe. Die Ideen der Studierenden wurden von den beteiligten Gemeindemitgliedern als unkonventionell, zukunftsweisend und angenehm kreativ-erfrischend empfunden.

Zukunftssichere Friedhofsideen. Studentische Entwurfskonzepte

Der Entwurf "Natur zulassen" von Mirjam Konrad und Marius Wiechert thematisiert die sinkenden Beisetzungszahlen des Friedhofs und zugleich die Neuinterpretation des kulturellen Erbes der Anlage. Er setzt das Motto "kultiviert Schrumpfen" durch kontrollierte Verwilderung, Umnutzung freiwerdender Bereiche und somit Reduktion der Friedhofsfläche um. Bauwerke an Eingang und Endpunkt betonen und definieren die Mittelachse des Friedhofs. Entlang dieser Achse wird die Friedhofsnutzung intensiviert indem neue individuell gestaltbare und auch vom Friedhof gepflegte Grabfelder angeboten werden. In variierenden Abständen sind offene und abgeschiedene Plätze vorgesehen, die den Friedhofsbesuchern Raum zum Austausch oder zum Rückzug geben. Die Randbereiche fallen nach und nach aus der Friedhofs-Nutzung, entwickeln sich zu naturnahen Flächen mit Spazierwegen und verbinden Innenstadt und Grünzug. Der Friedhof wird neu in das Stadtgefüge eingebunden, gefasst, konzentriert, und in seinem Erscheinungsbild aufgewertet. Auf minimalinvasive Art und Weise wird ein multifunktionaler Grünkorridor für die Stadtgesellschaft geöffnet und die Geschichte des Orts dabei dennoch unangetastet gelassen.

Abb. 6: Entwurf "Natur zulassen": Isometrie und Schnittansicht. Zeichnung: Mirjam Konrad und Marius Wiechert

Abb. 7: Entwurf „Natur zulassen“: Erläuterungszeichnungen. Zeichnung: Mirjam Konrad und Marius Wiechert

Einen ganz anderen Ansatz wurde im Entwurf "Petri Park" gewählt. Rümeysa Kayik und Celine Hirtz entwickelten eine vielfältig nutzbare Wand, die den Friedhof vollständig umfasst, die Friedhofsfunktionen aufnimmt und die Friedhofsfläche mit ihrem schönen, alten Baumbestand nach und nach für eine Nutzung als Park freigibt. Bestehende Gräber auf der Rasenfläche bleiben erhalten bis sie aus der Nutzung fallen. Neue Beisetzungen werden entlang der Mauer in verschiedenen Grabfeldern angeboten, außerdem dient die Mauer als Urnenwand. Diese Verlagerung der Bestattungsfunktion in die Vertikale führt zu einer Nutzungskonzentration am Rand, die das ungestörte Nebeneinander von Friedhof und innenliegendem Park ermöglicht. Geschickt platzierte Öffnungen und integrierte Nutzbauten gliedern die Wand, definieren Zugänge und sorgen für eine gute Lesbarkeit. Eine repräsentative Aussegnungshalle an der südlichen Straßenecke bildet den Haupteingang und dient als Auftakt der Anlage.

In ihrem Entwurf "Ferdinandfriedhof 2050" legten Elena Jäger und Katharina Gioia Murek den Fokus auf eine funktionale Anbindung an die Stadt. Die vorhandenen Bauwerke sollen modernisiert, und für zusätzliche städtische Nutzungen erweitert werden. Ein beidseitig nutzbares Gebäude mit Café soll als Impuls wirken, Personen zum Friedhof bringen und damit für eine höhere Frequentierung des Ortes sorgen. Großer Wert wurde auf die Lesbarkeit und die adressbildende Funktion der Architektur gelegt. Mittels eines durchdachten Wegenetzes, der Neuorganisation des Belegungsplans und raumgliedernden Heckenstrukturen schaffen die Studentinnen ein Gleichgewicht zwischen "Öffentlichkeit" und "Privatheit" auf dem Friedhofsgelände. Eine klar lesbare Zonierung der Anlage in offene und abgeschiedene Bereiche öffnet den Friedhof für Erholungssuchende und ermöglicht den Trauernden zugleich einen ruhigen Aufenthalt in Stille oder Gemeinschaft. Am Eingang des Friedhofs befindet sich ein einsehbarer Gedenkbereich, der von Trauergesellschaften gut als Sammlungsraum genutzt werden kann, im hinteren Bereich wird ein ruhiger Pavillon als Trauerraum angeboten.

Abb. 8: Entwurf "Petri Park": Entwurfsplan und Schnittansicht. Zeichnung: Celine Hirtz und Rümeysa Kayik, Baumvorlagen: Brusheezy.com + Vyonyx.com

Abb. 9: Entwurf „Petri Park“: Perspektive des Eingangsbereichs und Isometrie der umlaufenden Wand. Zeichnung: Celine Hirtz und Rümeysa Kayik, Baumvorlagen: Vyonyx.com

Abb. 10: Entwurf "Ferdinandfriedhof 2050":Perspektiven des Eingangsbereichs und des Pavillons im östlichen Friedhofsteil. Zeichnung: Elena Jäger und Katharina Gioia Murek

Abb. 11: Entwurf "Ferdinandfriedhof 2050": Entwurfsplan und Schnittansicht. Zeichnung: Elena Jäger und Katharina 2ioia Murek

Ein weiterer der insgesamt acht studentischen Entwürfe plädiert für die Verstärkung des "Chaos" auf dem Friedhof und organisiert die Anlage durch Chaos-Kristallisationspunkte und beruhigte, öffentliche Veranstaltungsorte. Andere setzen auf strenge formale Gliederung durch Relief und Wegenetz. So zeigt ein Entwurf beispielsweise eine skulpturale Überformung der gesamten Anlage mit Erdmodellierungen und Buchenhecken, in der eine Abfolge öffentlicher und gemeinschaftlicher Bereiche Raum für Kreativität, Rückzug und Gemeinschaft bietet. Eine andere Gruppe setzte auf eine Symbiose zwischen der Lebhaftigkeit einer Künstlerszene und dem ruhig-melancholischen Ambiente des Friedhofs und entwarf eine Infrastruktur für Buxtehuder Künstler*innen.

Die meisten Studierenden halten die Überlagerung des Friedhofs mit weiteren urbanen Nutzungen für die zukunftsweisende Entwicklungsrichtung und bilden Wegekonzepte und Aufenthaltsflächen auf freigewordenen Bereichen aus. Dabei schlagen sie Aschestreufelder und Besinnungsräume mit interkulturellen Ritual- und Aneignungsangeboten zur Trauerarbeit vor. Auch Radwege und Abkürzungen zwischen Innenstadt, Wohnquartier und Grünzug sollen eine bessere Anbindung an die Stadt erzielen und so für Belebung des Friedhofs sorgen. Alle Entwürfe arbeiten stark mit der Komponente Zeit und planen eine Umsetzung in Phasen. Die meisten Konzepte enthalten daher Maßnahmen, die die neue Rolle des Friedhofs und seine Potentiale bereits vor Beginn des Umbaus ins Bewusstsein der Buxtehuder rücken sollen.

Lessons learnt: Friedhofsplanung heute - eine komplexe Entwurfsaufgabe auf vielen Ebenen

Die gemeinsame Planungswerkstatt war ein großer Erfolg und ein Gewinn für beide Seiten: Während die Gemeinde viele praktische und kreative Denkansätze für die nun in die Tat umzusetzende Aufwertung des Friedhofs gewinnen konnte, ermöglichte die Zusammenarbeit den Studierenden das Entwerfen in einer realen Situation: mit einer Kirchengemeinde als Bauherrin und mit vielen einzelnen Akteuren, deren Wünsche und Interessen es zu hören, verstehen, abzuwägen und zu berücksichtigen galt. Darüber hinaus lieferte die entwerferische Auseinandersetzung mit dem Ferdinandfriedhof wertvolle Erkenntnisse über Entwicklungstendenzen in der Trauerkultur und Kriterien für zukunftssichere Friedhofsentwicklung - eine komplexe Entwurfsaufgabe, die sensibles Vermitteln zwischen vielschichtigen Extremen erfordert, und der wir uns in Zukunft vermehrt stellen werden müssen.

Abb. 12: Planungswerkstatt: Gemeinsamer Rundgang über den Ferdinandfriedhof. Foto: Silvia Beretta

Auf funktionaler Ebene betrachtet, ist der Friedhof eine Ansammlung privater Räume (der Gräber), die zwar durch einen gemeinschaftlichen Rahmen gefasst, aber dennoch direkt in einen öffentlichen Raum eingebettet sind.³ Aus diesem unmittelbaren Nebeneinander gehen vielschichtige funktionale, ökonomische, soziale und gestalterische Kontroversen einher, die es geschickt abzuwägen gilt. Beispielsweise kam im Kurs recht schnell die Frage auf, ob es überhaupt legitim wäre, eine innerstädtische, bahnhofsnahe Fläche in einem Ballungsraum weiterhin als Friedhof zu nutzen, besonders in Anbetracht der geringen Frequentierung des Orts. Sollte diese Fläche nicht besser genutzt werden um die große Nachfrage nach Wohnraum zu bedienen? Bei der Konzeption geeigneter Entwicklungsstrategien für Friedhofsflächen ist es wichtig, den kulturellen Wert des jeweiligen Friedhofs individuell einzuschätzen, seine Lage und seine Potentiale für das Grünsystem der Stadt näher zu untersuchen und zwischen kulturellem, sozialem und ökologischem Wert der Anlage und dem vorherrschenden Flächendruck abzuwägen.

Unter ökonomischen Gesichtspunkten erfordert die Neugestaltung des Friedhofs eine intensive Auseinandersetzung mit dem Belegungsplan und der Kostenkalkulation der Anlage, um einen Überblick über freiwerdende Flächen und zukünftige Nutzungskonzentrationen zu erhalten. Entwicklungskonzepte sollten in mehreren Zeit-Schritten geplant werden - entsprechend der freiwerdenden Flächen. Aus diesem Vorgehen ergab sich die Frage, die es im Kurs, aber auch in der Praxis auf Basis einer individuellen Ortsanalyse zu beantworten gilt: Wie kann pietätvoll mit Friedhofsflächen umgegangen werden, die nicht weiter zur Bestattung genutzt werden? Welche Bereiche können anderweitig beplant werden und welche urbanen Nutzungen lassen sich mit den Anforderungen dieses spezifischen Friedhofs vereinbaren?

Auch gesellschaftliche Veränderungen sollten bei der Planung berücksichtig werden, damit sich möglichst viele Menschen den Raum für ihre individuelle Trauerarbeit aneignen können. Zum einen besteht eine große Nachfrage nach interkulturellen Räumen für die steigende Zahl an Personen, die losgelöst von den altgewohnten kirchlichen Symbolen und Zeremoniellen trauern möchten. Zum anderen führt die zunehmende Arbeitsmigration zu wachsendem Bedarf an öffentlichen Trauerorten, denn nach Wohnortswechseln müssen Verluste oft losgelöst von einem Grab betrauert werden. Außerdem enthält der Prozess des Trauerns eine bedeutende, kreative Komponente, die sich in eigenen Ritualen zeigt, meist aber in der Grabgestaltung oder im Anfertigen und Ablegen individueller Gegenstände zum Ausdruck kommt. Auch wenn diese Kreativität in vielen Augen das Gesamtbild des Friedhofs stört, sollte sie den Trauernden unbedingt ermöglicht werden. Daher sollten Entwicklungspläne eine heterogene Grabgestaltung (zumindest stellenweise) zulassen, zugleich aber auch ein ansprechendes Gesamtbild der Anlage sicherstellen.

Friedhöfe sollten zukünftig in diverse urbane Funktionsebenen eingebunden werden und sich zu multifunktionalen öffentlichen Freiräumen entwickeln. Dabei sollen sie jedoch Friedhöfe bleiben, als solche auch lesbar sein und der heterogenen Stadtgesellschaft in Krisen- und Trauersituation als Reflexionsort zur Verfügung stehen. Mehr als bei der Planung anderer Freiraumtypen, müssen kultureller Wert, identitätsstiftende Komponenten und die soziale Einbindung der Orte sorgfältig ergründet und ihr Erhalt in der Entwicklung aller programmatischer, struktureller und atmosphärischer Maßnahmen mit hoher Priorität berücksichtigt werden. Entwicklungskonzepte für den Friedhof der Zukunft sollten ein Nebeneinander von Zurückgezogenheit und Öffentlichkeit anstreben und mit Hilfe geeigneter Gestaltungsmaßnahmen und Strukturen Räume schaffen, in denen individuelle Kreativität zum Ausdruck gebracht werden und eine heterogene Gemeinschaft entstehen kann.

ANMERKUNGEN

¹ Diese Erkenntnisse basieren auf Interviews mit den emeritierten Professoren Wolfgang Haber, Christoph Valentien und Giselher Kaule, sowie Auswertungen von Lehrmaterialien, Studierendenentwürfen und Prüfungsordnungen für die Fachrichtung Gartengestaltung und Landschaftspflege, ausgeführt im Rahmen der Promotion über C.L. Schreiber.

² Dies zeigt sich beispielsweise in der Auslobung des Nachwuchswettbewerbs "Raum für Trauer" zur Gestaltung von Trauerorten auf dem Friedhof Hamburg-Ohlsdorf und der Ausschreibung einer Entwurfsaufgabe zum Hauptfriedhof Frankfurt am Main im Rahmen des Peter-Joseph-Lenné-Preises 2020. Aber auch wegweisende Aktivitäten wie der Release des Online-Magazins "trauer/now" und die Tagesveranstaltung "Heilsame Abschiede" des namhaften Zukunftsforschers Matthias Horx im Oktober 2019 in Köln belegen, dass die Themen Friedhof und Trauerkultur an Aktualität gewinnen.

³ Vgl. Petrow, Constanze, Vortrag "Ideen für den Friedhof der Zukunft", Kongress "Heilsame Abschiede", Köln am 25. Oktober 2019.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Stadt+Grün 11/2020 .

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