Grundlagen für eine Handreichung für Städte und Kommunen - Teil 2

Urbanen Wald gestalten

von

Urbanes Orientierungsprinzip: Rechter Winkel. Abb.: Theresa Edelmann

Ziel A. Wegesystem und/oder Pflanzverband entsprechend der Logik der umgebenden Bebauungsstrukturen. Abb.: Theresa Edelmann

Ziel B: Unregelmäßige, „landschaftliche“ Wegeführung und Gehölzstruktur. Abb.: Theresa Edelmann

Sichtbeziehungen und Blickwinkel in Abhängigkeit von der Geschossigkeit. Während in niedrig bebauten Gebieten vorrangig die Waldränder das Bild der umgebenden Stadt prägen, ergeben sich vor allem in Hochhausgebieten Schrägansichten, bei denen Waldrand und Bestandsfläche zusammenwirken. Abb.: Theresa Edelmann

Zuschnitt und Größe der zu bewaldenden Brachfläche sowie örtliche Standortverhältnisse, Lärm-, Luft- und Wärmebelastungen sind maßgebliche Einflussfaktoren auf die Gestaltwirkung urbaner Wälder (siehe S+G 12/2011, Teil 1 des vorliegenden Beitrags).

Stadtspezifische Wechselwirkungen resultieren jedoch vor allem aus der umgebenden Bebauung und Grünstruktur und dadurch bedingte Bezüge zur Umgebung, hinzu kommen Anforderungen potentieller Nutzergruppen und aus der Historie. Über eine Typisierung kann es gelingen, diese Faktoren zu Beginn der jeweiligen Aufforstungs- und (späteren) Erschließungsplanung abzuprüfen, zu gewichten und Gestaltungspotentiale aufzudecken.

Einflussfaktor Umgebende Bebauung

Die Parzellierung einzelner Quartiersstrukturen beeinflusst das räumliche Erleben unter anderem durch die Entwicklung typischer fußläufiger Bewegungsmuster. Diese können mit der Erschließungsstruktur neuer urbaner Waldflächen gestärkt oder aber negiert werden, indem abweichende Muster zum Einsatz kommen.

Außerdem wird durch das Verhältnis von Baukörper und Parzelle das Erscheinungsbild der jeweiligen Frei- bzw. Grünräume vorstrukturiert (s. Umgebende Grünstruktur).

Inmitten dicht bebauter Quartiere mit zahlreichen eher schlecht belichteten Straßen-, Hof- und Gartenräumen können lichte Waldstrukturen kontrastierende Raumerlebnisse bieten. Ein lichtdurchflutetes Kronendach erzeugt einen noch ergreifenderen Gesamteindruck als das Raumerlebnis der gebauten Umgebung. Transluzenz ist jedoch die räumliche Erlebnisqualität, die neben anderen realen Lichtwirkungen nur im realen Raum erfahrbar ist (s. Bollnow 2004). Raumzeitlich verknüpftes Erleben von Wald- und Stadtstrukturen ist deshalb nur ansatzweise grafisch fassbar und damit vermittelbar.

Die umgebende Bebauung, zu sechs städtebaulichen Strukturtypen zusammengefasst und hier nur ausschnitthaft wiedergegeben, erzeugt unterschiedlich starke Identifikations- und Orientierungswerte für die Bevölkerung: Einfamilienhausgebiete (Offene Reihenstruktur),

Freistehender Geschosswohnungsbau, Geschlossene Blockbebauung, Offene Blockbebauung, Offene Zeilenbebauung, Hochhausgebiete (Großwohnsiedlungen), Gewerbegebiete/Großformen.

Urbane Dichte wird vor allem mit Geschlossener Block(rand)bebauung assoziiert. Freie Parzellen sind bei diesem städtebaulichen Strukturtyp besonders auffällig, da sie scharf abgegrenzte Lücken in den geschlossenen Straßenzügen darstellen. Bei engem Straßenraster schrumpfen die innenliegenden Freiräume auf kleine Höfe zusammen. Selbst wenn diese begrünt sind, ist die Aufenthaltsqualität dort aufgrund reduzierter Besonnung stark gemindert. In diesem Zusammenhang erhalten Aufenthaltsgelegenheiten in besonnten Waldbereichen (an inneren bzw. äußeren Waldrändern) eine hohe Bedeutung.

Geschlossene Blockbebauung befindet sich häufig in unmittelbarer Nähe zum "Kerngebiet der Innenstadt". Entsprechend können auch fremdländische Baum-arten eingesetzt werden, die keinen Bezug zum Baumartenspektrum beziehungsweise zur Gestaltwirkung des Umlands beziehungsweise. der Region herstellen, sondern eher die innerstädtische Lage des Gebiets reflektieren (Gestalterischer Gradient).

Grundsätzlich kann urbaner Wald die Dichte und Körnung umgebender städtebaulicher Strukturtypen analog weiterführen oder ihr aber durch gröbere oder feinere Strukturen entgegenstehen. Dabei ist zu hinterfragen, inwieweit derartige gestalterisch-planerische Zielsetzungen vom Stadtnutzer vor Ort tatsächlich empfunden und räumlich nachvollzogen werden. Die hier jeweils zugeordneten Gestaltungsziele sollen daher nicht dogmatisch verfolgt werden, sondern als Ausgangspunkt dienen, gestalterische Spielräume zu verorten und zu konkretisieren.

Der negativ besetzte Begriff der forstlichen "Monokultur" kann aus gestalterischer Sicht nicht pauschal auf den Stadtraum übertragen werden. So kann bei einer sehr reich gegliederten, ja bereits unruhig wirkenden umgebenden Bebauung und Fassadenstruktur die Begründung eines Einartbestands bzw. eines einheitlich wirkenden Waldrands angebracht sein. Wie präsent dieser im Stadtbild letztlich ist, hängt einerseits von Flächenzuschnitt und -größe, andererseits von Bezügen zur Umgebung sowie von der Umgebenden Grünstruktur ab. Ein angemessenes Verhältnis von Einheitlichkeit und Vielfalt kann nur fallweise gefunden werden.

Soll urbaner Wald fehlende bauliche Kanten ersetzen oder Baulücken ausfüllen, lohnt eine detaillierte Betrachtung der angrenzenden Baukörper und ihrer Fassaden, um dieses stadtgestalterische Oberziel im konkreten Anwendungsfall nicht schematisch, sondern an die individuelle Situation angepasst, umzusetzen. Neben der Farbigkeit können Struktur und Textureigenschaften herangezogen werden (s. auch Gestalterischer Gradient).

Die Struktur der Bebauung in Hochhausgebieten setzt sich aus lang gestreckten Wohnscheiben und/oder Punkthochhäusern zusammen. Nach einheitlichem Schema aufgebaut, wiederholen sich Gebäudeansichten und Raumfolgen mehrfach. Dies erschwert nicht nur die Orientierung, sondern reduziert auch die Identifikationsmöglichkeiten der Bewohner mit ihrem Zuhause. Im Hochbau wird daher als übergeordnetes Gestaltungsziel die Entwicklung von Bereichen angestrebt. Diese Individualisierungsprozesse können durch urbanen Wald unterstützt werden.

Eine vergleichsweise starre städtebauliche Struktur stellt Offene Zeilenbebauung dar. Alleinstellungsmerkmal ist eine rhythmische Gerichtetheit der Baukörper. Das räumliche Erleben ist von parallel zur Fassade geführten Sichten geprägt. Daraus ergeben sich zwei für die Gestaltwirkung der Waldfläche maßgebliche Wald-Siedlungs-Übergänge

a) Wald grenzt an Zeilen-Längsseiten

b) Wald grenzt an Zeilen-Stirnseiten

Bei a) bei typischer Nord-Süd-Ausrichtung der Baukörper entstehen west- oder ostorientierte Waldränder, die Waldfläche liegt "außerhalb" und bildet den räumlichen Abschluss der Zeilenstruktur. Bei b) ist von nord- oder südorientierten Waldrändern auszugehen, ein planerisches Ziel sollte daher die Schaffung humanbioklimatisch günstiger Aufenthaltsbereiche sein: bei nordorientiertem Waldrand ist eine Durchwegung zur gegenüberliegenden, gut belichteten Seite, bei südorientiertem Waldrand eine ausreichend breite, unverschattete Zone vorzusehen.

Da Waldentwicklung ein langandauernder Prozess ist, stellt sich grundsätzlich die Frage, welche Entscheidungen zur Gestaltung urbaner Wälder von der Wandelbarkeit des jeweiligen städtebaulichen Strukturtyps und seiner Gestaltwirkung unberührt bleiben. So können sich bei locker bebauten Gebieten, die kontinuierlich nachverdichtet werden (so zum Beispiel innerstädtische Villenquartiere mit großen Parzellen oder randstädtische Entwicklungsgebiete), städtebauliche Funktionsmuster und Erscheinungsbilder langfristig stark verändern. Vergleichsweise "resistent" sind bereits sehr dichte Quartiere geschlossener Blockrandbebauung. Fest steht ferner, dass Fassaden aus Naturstein, Klinker und Metallwerkstoffen ihr Erscheinungsbild auch langfristig kaum verändern werden.

Umgebende Grünstruktur

Raumbezogen können zunächst unterschieden werden: Netzstrukturen, Inseltyp, Bandtyp.

Netzstrukturen stellen vor allem lineare Gehölzbestände dar, beim Inseltyp liegt die umgebende Grünstruktur in einzelne Flächen zersplittert vor. In beiden Fällen ist der (zukünftige) Bestand an Straßenbäumen entscheidend für die Gestaltwirkung des neuen Waldes. Grenzt die zu bewaldende Fläche an Bestandswald (Bandtyp), werden Wald-Freifläche- und Wald-Wald-Übergänge gestaltrelevant. Naturschutzfachliche und/oder forstwirtschaftliche Argumente können im Vordergrund stehen, eine Ausnahme bilden angrenzende Gehölzbestände eines (historischen) Parks, dessen Gestaltwirkung genau festgelegt sein kann (Parkpflegewerk). Im Hinblick auf das Raumerlebnis dieser Übergänge ist die Wegeführung entscheidend. "Zick-zack" geführte Wege, die wiederholt durch beide Bestände führen, erlauben ein besonders abwechslungsreiches Raumerlebnis. Die grundgegensätzlichen Gestalt-Strategien lauten: Unterschiedlichkeit der Waldräume hervorheben, Raumfolge/räumliche Steigerung.

Neben der raumbezogenen Differenzierung ist die umgebende Grünstruktur unter qualitativen Aspekten typisierbar. Zum einen ist die Artenzusammensetzung des Stadtgrüns Spiegelbild der jeweiligen Zeit, da weder Umweltbedingungen noch die Bedürfnisse des Menschen statisch sind (Schmidt 2007). Zum anderen sind Bäume aufgrund ihrer hohen Lebensdauer besonders wichtig für die historische Kontinuität eines Stadtbildes. Die selteneren Arten vieler Bestände stammen häufig aus einer bestimmten Epoche der Stadtgeschichte oder sind im Zusammenhang mit Siedlungserweiterungen verwendet worden. Sie verleihen den Straßenzügen eine eigene Atmosphäre, die angesichts der zunehmenden Uniformierung von Stadtbildern (Schmidt 2009) besonders schützens- und erhaltenswert erscheint. Die Schnittmenge von Baumarten, die sowohl als Waldbaum oder für waldartige Pflanzungen geeignet sind als auch Straßenbaumbestände bilden, ist aus gestalterischer Sicht von besonderem Interesse, weil durch sie eine Verzahnung des urbanen Waldes mit der Umgebung möglich ist. Während einige Baumarten nur in Sorten als Straßenbäume geeignet sind, können die Wildarten im urbanen Wald verwendet werden.

Um Gestaltungsoptionen gegeneinander abzuwägen, können weiterhin typische Grünstrukturen ausgewählter städtebaulicher Strukturtypen, Veränderungstendenzen der Zusammensetzung des angepflanzten Baumbestands (vgl. Kunick 1988) sowie Vorkommen wildwachsender und verwildernder Baumarten und naturnaher Waldgesellschaften in der Umgebung einbezogen werden.

Vegetationsbestand

Die Kenntnis des Zeitpunkts des Brachfallens liefert wertvolle Hinweise zu den Standortbedingungen auf der Fläche, Nutzungsdruck (s. Faktor Bezüge zur Umgebung), ihrer ökologischen Vernetzung mit der Umgebung (Diasporenangebot) sowie der kleinstandörtlichen Vielfalt (siehe Faktor Standort). Neben Pioniergehölzen treten solche auf, die eine Ansammlung von Restbeständen früherer Nutzungen darstellen (s. Faktor Historie). Unter räumlichen Aspekten wird folgendermaßen typisiert: Gehölzdominierter Typ, Gehölzgeprägter Typ, Gehölzarmer Typ, Gehölzfreier Typ.

Einerseits darf die vorhandene Vegetation die Aufforstung nicht behindern, andererseits lohnt es, den Bestand in die Gestaltung mit möglicherweise höherem Aufwand einzubeziehen, weil dieser bereits zu Beginn der Waldentwicklung Schwerpunkte auf der andernfalls kahlen, undifferenzierten Fläche setzt. Außerdem können sie als Initialstandort für waldtypische Stauden und Gräser dienen. Neben der Raumbildungsfunktion kann der Vegetationsbestand auch Identifikationsfunktion übernehmen, wenn er kennzeichnend für die Fläche ist, so zum Beispiel bei Gartenbrachen (vgl. Kunick 1988).

Einflussfaktor Bezüge zur Umgebung

Bezüge zur Umgebung resultieren sowohl aus Blickbeziehungen (visuelle Bezüge) als auch aus der Zugänglichkeit einer Fläche.

Erste Aussagen zu ihrer Präsenz im Stadtbild kann über die Unterscheidung nach Anzahl der Frontalansichten, "Blickfenster", des zukünftigen Waldes erfolgen:

Wenige Blickfenster auf die Fläche, viele Blickfenster auf die Fläche.

Die Zugänglichkeit der Flächen wird nach ihrer potentiellen Durchwegbarkeit unterschieden. Trampelpfade und Wunschwege stellen einerseits eine ernstzunehmende Gefährdung des Etablierungserfolgs der Kultur dar. Andererseits sind sie auch planungsrelevant, weil ihre Berücksichtigung bei der Waldkonzeption Vorteile aus Sicht der potentiellen Nutzer bringt.

Je mehr fußläufige "Abkürzungen" und Wegeverbindungen möglich sind, desto größer ist die (potenzielle!) Durchwegungs- bzw. Verbindungsfunktion und damit der Umgebungsbezug einer Fläche. Unterscheidbar sind somit zwei Typen: Querungspotential gering, Querungspotential hoch.

Potentielle Nutzer

Während der Wald in der freien Landschaft gezielt zur Erholung aufgesucht wird, können bzw. werden in der Stadt Anwohner und Passanten, Ortskundige und Ortsfremde gleichermaßen mit dem Wald in Kontakt kommen. Vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung erscheinen zwei potentielle Nutzergruppen mit recht unterschiedlichen Anforderungen relevant. Im Rahmen der dem Beitrag zugrunde liegenden Arbeit wurden daher zwei Typen unterschieden: Hoher Anteil älterer Nutzer, Hoher Anteil von Kindern. Zudem sind Waldwahrnehmung und -präferenzen von Bevölkerungsteilen mit Migrationshintergrund relevant in Städten wie Leipzig, wo eine deutliche Zunahme der kulturellen Heterogenität zu verzeichnen ist.

Eine Erholungsnutzung urbaner Wälder impliziert die Frage nach deren Mindestausstattung und Mindestpflegezustand (Burkhardt 2008). Sind Ausstattungselemente auf der Planfläche vorgesehen, können diese je nach Lage des Waldes (in Relation zur Innenstadt) und umgebender Bebauung und Grünstruktur eher rurale oder aber urbane Gestaltmerkmale aufweisen. Die Ausstattung steht dabei in Relation zu den zu erwartenden Verhaltensmustern der Nutzer (Behavior Setting). Entscheidend ist die Schlüssigkeit des Gesamtcharakters. Urbanität und Bezüge zum Städtischen werden durch andere Gestaltmerkmale suggeriert (harte Wegebeläge, klare Weg-Waldboden-Übergänge, Stadtmöblierung, ...) als landschaftsorientierte Erholung bzw. Bezüge zum Wald der freien Landschaft (lockere Wegebeläge und Übergänge zum offenen Waldboden, ...).

In gebauten Umwelten, die als hässlich oder reizarm wahrgenommen werden, finden besonders häufig Markierungen wie Graffiti und Zerstörungen statt. Was in den Augen der einen Vandalismus ist, bedeutet jedoch für den Verursacher die Aneignung von Dingen oder Räumen (s. Richter 2008). Urbane Waldflächen jedweder Gestaltung, die in entsprechenden städtebaulichen Strukturen angelegt werden, können daher nur bedingt deren architekturpsychologische Mängel ausgleichen. Gefragt sind Handlungsoptionen, wie der Gehölzbestand effektiv geschützt werden kann (Baumartenwahl, Pflanzverband, Flächenschutz).

Es gilt, ein Bewusstsein für den Wert des zukünftigen urbanen Waldes zu schaffen. Dazu sind zahlreiche positive Argumente verfügbar. Allerdings stehen die langen Entwicklungszeiträume von Wald im starken Gegensatz zu von Schnelligkeit gekennzeichneten sozialräumlichen Entwicklungen (hohe Mobilität, hohe lokale Bevölkerungsfluktuation). Damit der "neue" urbane Wald nicht schnell in Vergessenheit gerät, sind wiederholte gemeinschaftliche Aktionen, die über die symbolischen ersten Spatenstiche hinausgehen, wünschenswert. Weitere Möglichkeiten zur Bindung von Anwohnern an "ihren" Wald ergeben sich etwa aus passfähigen Vereinbarungen zur Holznutzung für private Zwecke oder Projekten zur Ansiedlung waldtypischer attraktiver Blütenpflanzen (vgl. Woodland Wildflowers Work-Initiative der Stiftung Landlife, GB).

Graffiti auf faseriger Rinde sind kurzlebiger. Foto: Theresa Edelmann

Besonders beliebt für Ritzbilder sind die Stämme glattrindiger Baumarten. Foto: Theresa Edelmann

Rurale Waldausstattung. Foto: Theresa Edelmann

Urbane Waldausstattung? Foto: Theresa Edelmann

Historie

Mit der Aufforstung innerstädtischer Flächen kommt es zu einer drastischen Umwidmung von Siedlungsfläche zu dem, was meist zu Beginn vorhanden war, nämlich Wald. Während die Elemente gebauter Umwelten (Häuser usw.) in überschaubaren Zeiträumen entstehen, überspannt die Waldentwicklung mehrere Generationen. Spuren und Zeugnissen vor Ort kommt daher besondere Bedeutung zu. Sie tragen dazu bei, den Wald als Teil der Stadt erleben und begreifen zu können. Zeugnisse menschlicher Nutzung auf städtischen Brachflächen können in höchst unterschiedlicher Menge und Qualität vorliegen (Scherben, alte Trassen etc.). Spuren hingegen sind nicht gegenständlich, sie stellen vielmehr Hinweise auf Nutzungen dar.

Besonderes Potential besitzen Abrissfolgeflächen in jungen, randstädtischen Großwohnsiedlungen, bei denen die teilweise rigoros überbauten historischen Wege- und Sichtbeziehungen wiederhergestellt werden können.

Die möglichen Ebenen assoziativer Bedeutung der Brachentypen sind so vielfältig wie ihre Lage und Funktion innerhalb der Stadt. Bahnbrachen gehören als Verkehrsanlagen zu den transitorischen Räumen innerhalb der Stadt. Sie haben per se keine dauerhafte Aufenthaltsfunktion für die Bevölkerung und unterscheiden sich darin am stärksten von den Wohnbrachen, deren assoziative Bedeutung von Emotionen des Bindungs- oder sogar Heimatverlusts geprägt sein kann. Brachgefallene Gewerbe- und Erwerbsgartenbauflächen nehmen insofern eine Mittelstellung zwischen oben genannten Brachentypen ein, da sie weder Durchgangs- noch Wohnfunktionen ausfüllten. Ihnen ist die ökonomische Bedeutungsebene gemeinsam, auf die mit der Konzeption eines wirtschaftlich nutzbaren Waldes am ehesten eingegangen werden kann.

Das Auffinden von Zeugnissen und Spuren als Relikte setzt Orts- und Ortsgeschichtskenntnis voraus. Vorgefundene Materialien oder Objekte sind wertvoll hinsichtlich ihrer möglichen Funktion als zukünftige Wege, Bereiche, Merkzeichen und Grenzlinien (nach Lynch 1965). Zu einer ersten Unterscheidung der Flächen sollten die vorgefundenen Relikte nach Vorkommen und Zustand untersucht werden: Keine vornutzungsspezifischen Relikte, Relikte als Merkzeichen usw. unmittelbar verwendbar. Relikte als Merkzeichen usw. mittelbar verwendbar.

Ausblick

Weiterführende Fragen ergeben sich im Hinblick auf die Nutzfunktion des urbanen Waldes. Hat eine Fläche aus forstwirtschaftlicher Sicht untergeordnete Bedeutung, ist abzuwägen, ob nicht von vornherein mit größeren Pflanzqualitäten gearbeitet werden sollte. Damit ändert sich jedoch schnell das Bild vom Wald in das eines Hains oder Parkwalds und "der Kreis schließt sich", dass Wald möglicherweise doch einen gewissen Flächenbedarf hat, nicht nur im ökologischen Sinn (Bestandsklima), sondern auch im Hinblick auf das eingangs untersuchte Walderleben.

Literatur

Bollnow, O. F. (2004): Mensch und Raum. 10. Auflage. Stuttgart: Kohlhammer.

Kunick, W., (1988): Zusammensetzung und Entwicklung städtischer Baumbestände. In: AFZ 13/1988, S. 333-336.

Lynch, K., (1965): Das Bild der Stadt. 5. Auflage 2007.

Richter, P. G. (2008): Architekturpsychologie - Eine Einführung. 3., erweiterte Aufl., Lengerich: Pabst.

Schmidt, C. (2009): Straßenbaumkonzepte und deren planerisch-gestalterische Aspekte. In: Roloff, A. (Hg.): Konzepte und Gestaltung mit Stadtbäumen und Aktuelle Fragen der Baumpflege. Forstwissenschaftliche Beiträge Tharandt, Beiheft 8, S. 42-57.

Schmidt, P. A. (2007): Verwendung einheimischer Gehölze im urbanen Raum. In: Roloff, A. (Hg.): Urbane Gehölzverwendung im Klimawandel. Forstwissenschaftliche Beiträge Tharandt, Beiheft 7, S. 33-43.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Stadt+Grün 01/2012 .

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