Wie aus einer alten Lagerfläche eine naturnahe Grünanlage wurde

Elisabeth-Ehlers-Anlage in Würzburg

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Vor einigen Jahren wurde der Stadt Würzburg ein Grundstück am Main mit einer alten Lagerfläche zu einem symbolischen Preis veräußert, damit dort eine öffentliche Grünanlage entstehen kann. Die Stadt nutzte diese ungewöhnliche Chance, um in relativ kurzer Zeit einen kleinen Park mit vielfältigen Lebensräumen für Tiere und Pflanzen sowie hoher Aufenthaltsqualität für die Bevölkerung zu schaffen. Die Anlage kann als Inspiration dafür dienen, wie auf kleiner Fläche eine naturnahe Grünanlage geschaffen werden kann.
Grünanlagen Stadtparks
1 In den neuen Heckenbereichen wurden überwiegend heimische Sträucher wie etwa Wolliger Schneeball (Viburnum lantana) gepflanzt. Foto: Jonas Renk

Im Würzburger Stadtteil Heidingsfeld befindet sich ein kleines Grundstück am Main, auf dem in den letzten Jahren eine große Veränderung stattgefunden hat. Seit den 1960er Jahren war die etwa 3300 Quadratmeter große Fläche über Jahrzehnte als Lagerfläche für Baustoffe und zum Abstellen ausrangierter Autos genutzt worden. Die frühere Eigentümerin, Elisabeth Ehlers, entstammte einer Brauereifamilie und hatte die Liegenschaften der einstigen Brauerei geerbt, darunter ebendieses Grundstück.

Bevor sie 2014 starb, war es ihr Wunsch, das Grundstück an die Stadt Würzburg mit der Auflage zu veräußern, dort eine öffentliche Grünanlage mit Verweilqualität zu schaffen. Die Verhandlungen hierüber konnten zu ihren Lebzeiten nicht abgeschlossen werden, doch ihre Erben entsprachen dem Wunsch und verkauften das Areal 2016 zu einem symbolischen Preis an die Stadt, die sich ihrerseits verpflichtete, die Fläche zu begrünen und mit Bäumen, Sträuchern und Sitzmöglichkeiten auszustatten. 2019 dann fand auf der Fläche ein gemeinsamer Ortstermin mit dem Gartenamt und der Fachabteilung Naturschutz und Landschaftspflege der Stadt Würzburg sowie dem Nachlassverwalter statt, der Ausgangspunkt für eine erhebliche Aufwertung der Fläche werden sollte.

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2 Entwurfsplanung des Gartenamts der Stadt Würzburg vom April 2019 für die neue Grünanlage Quelle: Gartenamt/Stadt Würzburg

Direkt vor Ort wurden erste Überlegungen entwickelt, wie auf dem Grundstück eine städtische Grünanlage geschaffen werden könnte. Der Fokus lag von Anfang an einerseits auf der Erhöhung der Aufenthaltsqualität, der Anbindung an den bestehenden Geh- und Radweg am Main sowie die Schaffung attraktiver Sichtbezüge über den Main auf die dahinterliegenden Weinberge. Andererseits sollten Natur und Biodiversität auf der Fläche gefördert werden. Das Gartenamt entwickelte gleich im selben Jahr des Ortstermins 2019 eine Planung, deren Umsetzung in Kooperation mit einem örtlichen GaLaBau-Betrieb schon im Januar des Folgejahres begann.

Für die Stadt Würzburg bot die Veräußerung der Fläche eine ungewöhnliche Gelegenheit, eine neue Grünanlage auf einem neuen städtischen Grundstück entwickeln zu dürfen. Zwischen dem Siedlungsrand des Stadtteils im Süden und einem Geh- und Radweg am Mainufer im Norden gelegen, seitlich umgeben von baulich eingefassten Privatgrundstücken, erschien das Grundstück prädestiniert für eine öffentliche Grünanlage, die den Siedlungsbereich mit dem Mainufer verbindet.

Naturnahe Hecken mit liegendem Totholz und eine modifizierte Benjeshecke im Randbereich

Ein zuvor schmaler Gehölzstreifen, der das Grundstück zur Straße im Süden hin abgrenzt, wurde durch die Anlage naturnaher Hecken sowie eine 25 Meter lange modifizierte Benjeshecke erweitert. Letztere besteht aus einer mittigen Reihe von Initialpflanzungen im Pflanzabstand von einem Meter und beidseitig aufgeschichtetem Gehölzschnitt und liegendem Totholz. Modifizierte Benjeshecken bieten vielen Tieren Nahrung und Lebensraum und können wesentlich zur Biotopvernetzung beitragen. Vor diesem linearen Biotopelement wurde eine Info-Tafel installiert, die vom Gartenamt in Abstimmung mit der Fachabteilung Naturschutz und Landschaftspflege entwickelt wurde und die auf die vielfältigen ökologischen Funktionen des Elements aufmerksam macht.

Auch im östlichen und westlichen Randbereich wurden naturnahe Hecken geschaffen, wodurch der zentrale Bereich zu den südlich und westlich angrenzenden Straßen und zum privaten Gartengrundstück im Osten hin von geschlossenem Gehölzbestand eingefasst und zum Main hin weitgehend offen gestaltet ist.

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3 Zur Erweiterung des Gehölzstreifens, der das Grundstück zur Straße im Süden hin abgrenzt, wurde eine modifizierte Benjeshecke mit Initialpflanzungen angelegt, deren ökologische Funktionen auf einer Info-Tafel erläutert werden. Foto: Jonas Renk
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4 Im offen gehaltenen Bereich der Grünanlage wurde eine artenreiche Magerwiese mit gebietseigenem Regio-Saatgut angelegt, in der nun viele lebensraumtypische Magerwiesenkräuter wie etwa Wiesenmargerite (Leucanthemum vulgare) wachsen. Foto: Jonas Renk
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5 Ein Weg mit wassergebundener Deckschicht verläuft nun quer durch die Grünanlage und bildet die Verbindung zum Geh- und Radweg am Mainufer. Foto: Jonas Renk

In den neuen Heckenbereichen und als Initialpflanzungen in der modifizierten Benjeshecke wurden überwiegend heimische Sträucher wie Haselnuss (Corylus avellana), Heckenkirsche (Lonicera xylosteum), Schlehe (Prunus spinosa), Schwarzer Holunder (Sambucus nigra), Wolliger Schneeball (Viburnum lantana) und Weißdorn (Crataegus) verwendet. Auch heimische und regionaltypische Wildrosen – Hundsrose (Rosa canina), Weinrose (Rosa rubiginosa) und Bibernellrose (Rosa pimpinellifolia) – wurden bei der Heckenanlage gepflanzt. Durch die gewählte Kombination der Straucharten wird Bestäuberinsekten vom Vorfrühling bis in den Herbst ein breites Spektrum an Blüten mit Nektar und Pollen geboten, während Vögel und Kleinsäuger im Herbst und Winter nahrhafte Beeren und Nüsse finden.

Als einzige nicht-heimische Art unter den Sträuchern wurde die aus Nordamerika stammende Schneebeere (Symphoricarpos albus var. Laevigatus) gepflanzt, welche jedoch nicht invasiv ist und sich dadurch auszeichnet, dass sie noch im Spätsommer verschiedenen Bestäubern reichlich Pollen und auch etwas Nektar bereitstellt. Ihre vielen saftigen Beeren, die selbst über den Winter an der Pflanze haften, sind zwar für den Menschen giftig, für Vögel und andere Tiere jedoch eine reichhaltige Nahrungsquelle. Um die ökologischen Funktionen der Hecken zusätzlich zu verbessern, wurden in die Hecken liegendes Totholz gebracht, das bei Pflegemaßnahmen in der Nähe angefallen war.

Standortangepasste Baumpflanzungen als Überhälter und in den offenen Bereichen

Neben Sträuchern wurden in der neuen Grünanlage auch verschiedene hochstämmige Laubbäume sowohl als Überhälter in und an den Heckenbereichen, als auch in Form von Baumgruppen und Solitären im offenen Teil gepflanzt. Insbesondere in den sonnigen Bereichen in größerem Abstand zum Mainufer wurde dabei auf Trockenheitstoleranz geachtet – ein Thema das in der ohnehin sehr warmen und trockenen und dadurch von der Klimaerwärmung besonders betroffenen Weinbauregion eine wichtige Rolle spielt. An verschiedenen Stellen ist beispielsweise der heimische und relativ trockenheitsverträgliche Feldahorn (Acer campestre) gepflanzt worden. Dieser bietet Bestäubern schon früh im Jahr Nektar und Pollen. Auch im besonders sonnigen Heckenbereich im Westen wurden trockenheitstolerante Bäume gepflanzt.

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6 In der Magerwiese wurde ein Lesestein-Totholz-Riegel mit Sandlinse als Biotopelement angelegt. Foto: Jonas Renk
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7 In die Nähe der modifizierten Benjeshecke wurde ein dicker Stammteil als liegendes Totholz gebracht. Foto: Jonas Renk
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8 Am neuen und am bestehenden Geh- und Radweg am Mainufer wurden jeweils neue Sitzgelegenheiten geschaffen. Foto: Jonas Renk

Neben dem Feldahorn findet sich hier zum Beispiel die aus Südosteuropa stammende, spät blühende Silber-Linde (Tilia tomentosa). Diese bewährt sich in Würzburg angesichts der zunehmenden Hitze- und Trockenphasen bereits vielerorts als robuster Stadt- und Straßenbaum. Wie der Feldahorn bietet auch sie Bestäubern Nektar und Pollen. Die ebenfalls trockenheitstolerante, aus Südeuropa stammende Zerr-Eiche (Quercus cerris), von deren Eicheln sich viele Tiere ernähren können, wurde in diesem Bereich auch als Überhälter gepflanzt. Im weiteren Verlauf der Grünanlage wurden beispielsweise auch die beiden regionaltypischen Sorbus-Arten Speierling (Sorbus domestica) und Elsbeere (Sorbus torminalis) gepflanzt. Sie bedienen zum einen Bestäuberinsekten mit Nektar und Pollen, zum anderen sind sie wichtige Vogelnährgehölze. Mit der Pflanzung einer Gruppe aus Pappeln – Zitterpappel (Populus tremula) und Schwarz-Pappel (Populus nigra) – und einer Silber-Weide (Salix alba) in der Nähe des Mainufers wurde der dort gegenüberliegende prägende Baumbestand aus großkronigen Pappeln, Weiden und Eichen aufgegriffen. Silber-Weiden sind ebenso wie der Feldahorn wichtige Nektar- und Pollenlieferanten im Frühjahr.

Artenreiche Magerwiese im offenen Bereich

Im offen gehaltenen zentralen Bereich und als Saum der östlichen Hecke wurde eine artenreiche Magerwiese mit gebietseigenem Regio-Saatgut angelegt. Darin enthalten waren viele lebensraum- und standorttypische Magerwiesenkräuter wie Karthäusernelke (Dianthus carthusianorum), Wiesenmargerite (Leucanthemum vulgare), Wiesensalbei (Salvia pratensis), Witwenblume (Knautia arvensis) sowie Leguminosen wie Hornklee (Lotus corniculatus).

Neue Aufenthaltsqualität

Innerhalb des Wiesenbereichs wurde eine Wegeverbindung mit wassergebundener Deckschicht geschaffen. Der neue Weg verläuft quer durch die Anlage und bildet in der Grünanlage die Verbindung zum Geh- und Radweg am Mainufer. Am neuen und am bestehenden Geh- und Radweg am Mainufer wurden jeweils neue Sitzgelegenheiten geschaffen, von denen man jeweils einen freien Blick auf den Main und die dahinterliegenden Weinberge hat.

Über die genannten bereits in der Entwurfsplanung (vgl. Abb. 2) vorgesehen Maßnahmen hinaus, wurden als Biotopelemente nachträglich ein Lesestein-Totholz-Riegel mit Sandlinse in der Wiese angelegt und ein dicker Stammteil, der bei Fällarbeiten angefallen war, als liegendes Totholz in die Nähe der modifizierten Benjeshecke gebracht. Der Lesestein-Totholz-Riegel besteht im nördlichen Teil aus einem aufgeschichteten und ebenfalls mit standort- und gebietstypischen Heckensträuchern bepflanzten Erdhügel, im südlichen sonnigeren Teil aus einem großen Haufen aus unterschiedlich großen Lesesteinen (Kalkstein) und liegendem Totholz, zu dessen Füßen eine große offene Bodenstelle mit sandigem Boden (ungewaschener Sand mit fließendem Übergang zum gewachsenen Boden) liegt. In diesem Element können nun zum Beispiel Insekten, Reptilien und Amphibien Lebensraum und Nahrung finden. Die Sandlinse kann etwa von Reptilien, entsprechenden Solitärbienen und -wespen sowie Heuschrecken zur Eiablage genutzt werden. Auch der dicke Stammteil neben der modifizierten Benjeshecke kann vielen Tieren wie etwa Käfern und deren Larven als Lebensstätte dienen. Wie vor der modifizierten Benjeshecke wurde auch vor dem Lesestein-Totholz-Riegel und der Sandlinse eine Info-Tafel angebracht, auf welcher der ökologische Nutzen erläutert wird.

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9 Auf einer Info-Tafel werden die ökologischen Funktionen des Lesestein-Totholz-Riegels und der Sandlinse erklärt. (Quelle: Dr. Heike Lenz/Stadt Würzburg)
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10 Die neue Grünanlage wird von vielen vorbeikommenden Spaziergängern und Radfahrern und von der Bevölkerung aus dem angrenzenden Siedlungsbereich sehr geschätzt. Foto: Jonas Renk
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11 Von den neuen Sitzgelegenheiten aus hat man einen freien Blick auf den Main und die dahinter liegenden Weinberge. Foto: Jonas Renk

Fazit

2020 wurde die neue Grünanlage eingeweiht und als Anerkennung für das mit der Übergabe an die Stadt Würzburg verbundene Engagements nach Elisabeth Ehlers benannt.

Entstanden ist ein kleiner Park, in dem es gelungen ist, Natur und Biodiversität mit Aufenthaltsqualität und Umweltbildung zu verbinden. Die neue Magerwiese hat sich gut entwickelt und wird naturfreundlich gemäht: extensiv, spät, abschnittsweise, durch Schnitt, das Mähgut wird abgeräumt. Auch die Gehölze haben sich durch eine konsequente Fertigstellungs- und Entwicklungspflege günstig entwickelt. Die neuen Sitzgelegenheiten mit freiem Blick auf den Main und die dahinter liegenden Weinberge laden an der entstandenen Wegeverbindung und am Geh- und Radweg am Mainufer zum entspannten Verweilen und zur Naturerfahrung ein. Eindrucksvoll ist dort im Sommer das Summen und Brummen der Wildbienen, Hummeln, Schwebfliegen und Käfer und das Zirpen der Heuschrecken auf der Wiese zu hören, die dort einen neuen Lebensraum gefunden haben. Die große Blütenvielfalt der Wiesenkräuter und Gehölze sind vom Frühjahr bis in den Herbst nicht nur ein erfreulicher Anblick, sondern auch ein Dufterlebnis. So wundert es kaum, dass die neue Grünanlage von vielen vorbeikommenden Spaziergängern und Radfahrern und von der Bevölkerung aus dem angrenzenden Siedlungsbereich sehr geschätzt wird. Die neue Grünanlage steht zugleich als Beispiel für das Engagement eines städtischen Gartenamtes sowie eine konstruktive Zusammenarbeit zwischen Gartenamt und Naturschutzverwaltung, in deren Erinnerung hiermit herzlich gedankt wird.

In den Hecken gepflanzte Sträucher:

Cornus sanguinea (Roter Hartriegel)
Corylus avellana (Haselnuss)
Crataegus monogyna (Eingriffeliger Weißdorn)
Euonymus europaeus (Pfaffenhütchen)
Ligustrum vulgare (Liguster)
Lonicera xylosteum (Heckenkirsche)
Prunus spinosa (Schlehe)
Rosa canina (Hundsrose)
Rosa pimpinellifolia (Bibernellrose)
Rosa rubiginosa (Weinrose)
Sambucus nigra (Schwarzer Holunder)
Symphoricarpos albus var. laevigatus (Schneebeere)
Viburnum lantana (Wolliger Schneeball)

Gepflanzte hochstämmige Bäume:

Acer campestre (Feldahorn)
Tilia tomentosa (Silber-Linde)
Juglans regia (Walnuss) (in Sorten)
Populus nigra (Schwarzpappel)
Sorbus domestica (Speierling)
Sorbus torminalis (Elsbeere)
Populus tremula (Zitterpappel)
Salix alba (Silber-Weide)
Quercus cerris (Zerr-Eiche)
Prunus mahaleb (Steinweichsel)
Ulmus "Rebona" (Ulme)
Morus nigra (Schwarzer Maulbeerbaum)

M.Sc. (TUM) Jonas Renk
Autor

Umweltplaner und Ingenieurökologe, freiberuflicher Fachautor und Berater für Naturschutz und Biodiversität

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