Grün-blauer Stadtraum „Rietzschke-Aue Sellerhausen“

Wassersensible Stadtentwicklung in Leipzig

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Artenschutz Klimagerechte Landschaftsplanung
Abb. 1: Perspektive der Rietzschke Aue Sellerhausen. Visualisierung: Storch Landschaftsarchitektur

Stadtgrün und Gewässer sind vielfältiger, bislang jedoch in ihrer Bedeutung unterschätzter Bestandteil unserer Städte. Bisher waren sie als Erholungsräume für die Stadtbevölkerung und Rückzugsräume für Tiere und Pflanzen anerkannt und als Elemente der Stadtgestaltung akzeptiert. Mit dem Begriff der naturbasierten Lösungen nehmen sie nunmehr eine zentrale Rolle bei der Lösung globaler wie lokaler Herausforderungen der Stadtentwicklung ein.

In Leipzig verkörpert das Projekt "Rietzschke-Aue Sellerhausen", so überschaubar es auch sein mag, im Stadterneuerungsgebiet "Leipziger Osten" einen Aufbruch zur Lösung der vielfältigen Herausforderungen der Klima- und Biodiversitätskrise im Kontext der Stadtentwicklung. Es ist ein beispielgebendes Gemeinschaftsprojekt der integrierten und wassersensiblen Stadtentwicklung in Leipzig. Die neue multifunktionale Grünfläche "Rietzschke-Aue Sellerhausen" konnte nach vielen Abstimmungen, langem Planungsvorlauf und anderthalb Jahren Bauzeit im Mai dieses Jahres an die Bürgerschaft übergeben werden.

Auf rund 1,8 Hektar weist die neue Grünfläche besondere Qualitäten auf - sie erhöht den Freizeit- und Aufenthaltswert, verbessert die Anbindung zwischen den Stadtteilen und erfüllt wichtige Funktionen für das Stadtklima, die Biodiversität sowie den Hochwasserschutz. So ist ein zentrumsnaher Erholungs- und vielfältiger Lebensraum entstanden, der bei Starkregenereignissen als großräumige Retentionsfläche dient und dazu beiträgt, Schäden durch Überflutungen zu verhindern und das vorhandene Kanalnetz vom Regenwasser zu entlasten.

Gleichzeitig bleibt mehr Wasser dort, wo es als Regen fällt, statt in der Kanalisation zu verschwinden. So kann sich die Vegetation auch in trockenen Zeiten länger versorgen und durch Verdunstung den umgebenden Stadtraum kühlen. Darüber hinaus fließt das Regenwasser, auch im Starkregenfall, nicht direkt in die Kanalisation, sondern kann kontinuierlich versickern und so das Grundwasser anreichern.

Ausgangssituation

Anlass dieses Projekts war die häufige Überflutungssituation in diesem Abschnitt der ehemaligen Aue des Bachlaufes Östliche Rietzschke, der Teil der Kleingartenanlage Sellerhausen war. In diesem Bereich verlief das Gewässer größtenteils verrohrt und teilweise überbaut als Entwässerungsgraben Sellerhausen, wurde in regenreichen Perioden durch hoch anstehendes Schichten- und Grundwasser begleitet und konnte bei Starkregen die Wassermengen nicht aufnehmen.

Zuletzt war es im Rahmen der stadtweiten Hochwassersituation im Jahr 2013 zu einer umfänglichen Überschwemmung gekommen, die auch wesentliche Teile der Kleingartenanlage betraf. Zwar wurde in Folge dieses Ereignisses kurzfristig eine wasserwirtschaftliche Studie in Auftrag gegeben, die sich mit der Gewässersituation des gesamten Gewässerverlaufs und auch detailliert mit der Situation im Bereich der Kleingartenanlage Sellerhausen auseinandersetzte.

Auch Fördermittel zur Beseitigung von Hochwasserschäden wurden beantragt und kurzfristig bereitgestellt. Allerdings hatte, wie so oft, nachdem Schuldzuweisen erfolgt und das Ereignis nach ein bis zwei Jahren bereits wieder an Präsenz verloren hatte, die Bereitschaft, tatsächlich auf der Fläche etwas zu verändern, deutlich abgenommen.

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Integriert arbeiten

Das Projekt konnte letztendlich nur aufgrund der guten Zusammenarbeit zwischen dem Stadtverband Leipzig der Kleingärtner e. V., den Leipziger Wasserwerken und der Stadtverwaltung sowie der guten Kooperation der verschieden beteiligten Planer und Fachbüros gelingen. Auf Initiative der Leipziger Wasserwerke und des Amtes für Stadtgrün und Gewässer wurde ein durch ein externes Fachbüro erarbeiteter und moderierter Beteiligungsprozess gestartet.

Nach einer umfänglichen Akteursanalyse wurde ein intensiver Dialog unter Beteiligung des Stadtverbandes Leipzig der Kleingärtner e. V. mit dem Vorstand des Kleingartenvereins Sellerhausen begonnen. Diese Gespräche erfolgten regelmäßig auf Leitungsebene und vor Ort mit dem Kleingartenvorstand. Im ersten Schritt wurde nochmals die Notwendigkeit zum Handeln aufgezeigt. Hier war wesentlich, allen Betroffenen die Situation vor Ort und die Ursachen, einschließlich der wasserwirtschaftlichen Situation, nachvollziehbar und transparent darzustellen.

So konnte erreicht werden, dass der Umfang von rund 100 zu räumenden Kleingartenparzellen als Notwendigkeit akzeptiert wurde. Das zentrale Erfolgselement, die nötige Akzeptanz für das Aufgeben und Räumen der Parzellen zu schaffen, war jedoch, dem Vorstand hierfür die erforderliche Handlungs- und Entscheidungsfreiheit zu geben. So konnte die endgültige Abgrenzung durch den Verein bestimmt und für die jeweiligen Parzellenpächter individuelle Lösungen ausgehandelt werden. Auf dieser Grundlage entstanden unterstützt durch den Stadtverband zwischen den eigentlichen Vertragspartnern Vereinsvorstand und Parzellenpächter passgenaue Vereinbarungen zu Entschädigungen oder die Möglichkeit der Übernahme anderer Parzellen im Verein selbst oder in Nachbarvereinen.

Kommunikation und Abstimmung müssen intensiv sein

Auch im Zuge der weiteren Freiflächenplanung konnte sich der Kleingartenverein, ebenso wie die Bürgerinnen und Bürger aktiv einbringen. Dadurch konnten die Wegebeziehungen so angelegt werden, dass nun eine enge Verzahnung zwischen dem Verein und der neuen Grünfläche besteht. Gleichzeitig ist der Verein jetzt auch für die angrenzenden Quartiere besser zu erreichen und zu durchqueren.

So ist das Projekt zukunftsweisend im Umgang mit der Ressource Wasser, über deren Umgang wir uns alle in Zeiten des Klimawandels besonders Gedanken machen müssen. Auch Leipzig soll zu einer "Schwammstadt" werden, so die Forderungen aus vielen Richtungen. Das Projekt zeigt aber auch, dass die in Leipzig angestrebte wassersensible Stadtentwicklung nur im Zusammenspiel vieler Akteure innerhalb der Verwaltung zusammen mit den Leipziger Wasserwerken, unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen und Unternehmen sowie der Bürgerschaft gelingen kann.

Gleichzeitig wird deutlich, dass diese Projekte allerdings auch mit einem erheblichen Koordinations- und Kooperationsaufwand verbunden sind. Da mit diesen Projekten häufig auch direkte Auswirkungen auf die Flächeninanspruchnahme und Nutzungen verbunden sind, bedarf es regelmäßig intensiver Beteiligungsprozesse. Stadtgrün und Gewässer sind hierbei als grün-blaue Infrastruktur wesentlicher und integraler Lösungsansatz zu verstehen.

Somit braucht es in den Kommunalverwaltungen starke Organisationseinheiten, welche diese Prozesse, immer dann, wenn sie die Freiraumentwicklung betreffen, aktiv steuern und vor allem mit den zahlreichen Partnern planerisch und baulich umsetzen. Nur so können gut und vor allem vielfältig nutzbare Flächen als multifunktionaler grün-blauer Stadtraum entstehen. Hier haben die Garten-, Grünflächen- und Stadtgrünämter künftig eine zentrale Rolle, die bei der aktiven Gestaltung der integrierten Stadtentwicklung beginnt. Gemeinsam mit Landschaftsarchitekturbüros und Fachplanern müssen sie, über das Planen und mit Betrieben des Garten- und Landschaftsbaus über das Bauen bis hin zum Betrieb, die dauerhafte Nutzbarkeit und Wirksamkeit dieser Flächen gewährleisten.

Naturnahes Überschwemmungsgebiet und Quartierspark

Im Ergebnis des Leipziger Gemeinschaftsprojektes wurde der Gewässerverlauf der Östlichen Rietzschke in der Aue Sellerhausen offengelegt und als natürlich erlebbarer Bachlauf und Naturerfahrungsraum gestaltet. Die Grünfläche ist so angelegt, dass anfallendes Regenwasser lokal aufgenommen und gespeichert werden kann. Zeitverzögert und reguliert wird es über ein Ablassbauwerk in den Kanal abgeleitet. Damit soll ein ausreichender Abfluss bei Starkregenereignissen und gleichzeitig ein möglichst naturnaher Wasserhaushalt in der Rietzschke-Aue Sellerhausen sichergestellt werden.

Der Östlichen Rietzschke wird damit ein Teil ihres natürlichen Überschwemmungsgebietes zurückgegeben. Gleichzeitig wird die multifunktionale Fläche durch den Abbruch der Gebäude und die Entsiegelung sowie den verbesserten Wasserhaushalt zur Kühlung der angrenzenden Stadtteile in Hitzeperioden beitragen und mit besonderen Landschaftsstrukturen die Artenvielfalt erhöhen. Sie ermöglicht Naturerlebnis und freies Spielen, bietet naturnahe Aufenthaltsbereiche und verbessert die Wegeverbindungen im Quartier. Fußgänger und Radfahrer können im Leipziger Osten nun auf kurzen Wegen, umgeben von Natur, von Volkmarsdorf nach Anger-Crottendorf gelangen.

Auch die Anbindung an den ÖPNV wurde durch kürzere Wege für die Menschen vor Ort verbessert. Zudem wird eine angrenzende Quartiersschule den neugewonnenen Freiraum als grünes Klassenzimmer nutzen können. Mehr als 90 neue einheimische sowie klimaangepasste Bäume und eine Vielzahl an Strauch- und Kletterpflanzen komplettieren die naturnahe und zurückhaltend gestaltete Wasserrückhalte- und Grünfläche, die mittlerweile einen neuen Landschaftsraum prägt. Ein vorhandenes geschütztes Biotop wurde behutsam integriert und während der Bauphase entsprechend geschützt.

Es wurde eine große Blühwiese mit regionalen Saatgutmischungen zur Förderung der Insekten- und Artenvielfalt angelegt. Hin und wieder werden die Wiesen unter Wasser stehen, was die Artenvielfalt zusätzlich befördert. Die Wiesen werden künftig zweimal im Jahr gestaffelt gemäht. Dazu sind die gesamten Wiesenflächen in drei Teilflächen gegliedert. Zunächst erfolgt die Mahd auf der zentralen Fläche. Insekten, Wirbeltiere sowie Amphibien können ihrem natürlichen Fluchtverhalten folgend in die östliche und westliche Fläche flüchten. Das Mahdgut der Zielarten verbleibt zur Aussamung eine Woche auf der Fläche. Danach wird es aufgenommen und abtransportiert.

Artenschutzturm - Landmarke der Biodiversität

Viele seltene Wildbienenarten sind unerlässliche Bestäuber für zahlreiche Obst- und Gemüsepflanzen. Sie pflanzen sich jedoch nur in sandigen Böden fort. Daher wurden Sandlinsen als optimale Habitate für Wildbienen angelegt. Auch Totholz und Steinhaufen wurden auf der Fläche eingebracht - sie dienen als Lebensraum und Schutz. Weiterhin können Baumstämme zum Balancieren, Verstecken und Spielen genutzt werden. Zusätzlich wurde ein künstlerisches Objekt als "Artenschutzturm" auf der Fläche errichtet, der Quartiere und Nischen als Nist- und Lebensstätte für verschiedenste Tierarten bietet.

Ein lokaler Künstler hat in Kooperation mit dem NABU-Regionalverband Leipzig, dem Verein GeoWerkstatt Leipzig und den beauftragten Fachbüros eine individuelle Landmarke als identitätsstiftendes Objekt für den neuen Naturraum inmitten der Stadt erschaffen. Der Artenschutzturm bietet verschiedene Nischen, Nist- und Ruhestätten für in unseren Städten gefährdete Arten, wie Fledermäusen, Vögeln und Hautflüglern. Er ist vor allem aber ein im Leipziger Osten gut sichtbares Symbol, dass wir unseren Lebensraum Stadt mit vielen anderen Bewohnern teilen, die wir in unserem Alltag allzu oft übersehen.

Bundespreis Stadtgrün

Mit der "Rietzschke-Aue Sellerhausen" wurde auf diesem Wege ein Gemeinschaftsprojekt realisiert, das auch wenn es klein und überschaubar erscheint, als Symbol für die künftige, gemeinsame wassersensible Stadtentwicklung in Leipzig dienen kann. Dafür ist die Rietzschke-Aue Sellerhausen neben anderen bundesweiten Projekten am 14. September 2022 vom Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen mit dem "Bundespreis Stadtgrün 2022" ausgezeichnet worden.

Link: www.leipzig.de/rietzschke-aue

Dipl.-Ing. Rüdiger Dittmar
Autor

Leiter Amt für Stadtgrün und Gewässer, Leipzig und Vizepräsident der GALK

Dipl. Geographin Sylvia Raubold
Autorin

Koordinatorin grün-blaue Infrastruktur, Leipzig

Amt für Stadtgrün und Gewässer

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