Porträt 1000-jähriger Baumarten VI: Europäische Lärche (Larix decidua)

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Baumarten Baumforschung
Abb. 1: Alter Solitär im Hochgebirge (Wallis, Schweiz). Foto: Andreas Roloff
Baumarten Baumforschung
Abb. 2: Goldgelbe Herbstfärbung. Foto: Andreas Roloff

Warum bloß wirft eine Nadelbaumart, die Lärche, in jedem Herbst die Nadeln ab? Eine vollkommen schlüssige Erklärung dafür gibt es wohl nicht, aber sicher ist dies von Vorteil, wenn es im Verbreitungsgebiet einer Baumart entweder extrem kalt oder extrem trocken werden kann. Und genau das ist - grob gesagt - bei der Europäischen Lärche der Fall.

Charakteristika, Erkennungsmerkmale

Denn sie kommt vor allem in Arealen mit kontinentalem Klima vor, bei dem die Sommer relativ heiß & trocken und die Winter sehr kalt werden können (Abb. 1). Und der beste Verdunstungs- und Frostschutz für einen Baum ist nun einmal, wenn die Blätter kurzfristig abgeworfen werden können. Das setzt aber voraus, dass der Baum vor Abwurf der Nadeln wichtige Nährstoffe aus den Nadeln abzieht - der Grund für die wunderschöne goldene Herbstfärbung der Lärche (Abb. 2). Das ist allerdings auch die Ursache dafür, dass die Lärchenstreu (die abgefallenen Nadeln) die am schwersten zersetzliche aller heimischen Baumarten ist: aufgrund des ungünstigen Kohlenstoff-/Stickstoff-Verhältnisses ist sie für Zersetzer nur schwer verdaubar und bildet daher Rohhumus, das heißt es dauert lange bis die Nadeln zersetzt werden. Ein angepflanzter Lärchen-Reinbestand kann daher erheblich zur Bodenversauerung beitragen und so zur Standortverschlechterung führen. Das gilt jedoch nicht für die viel häufigeren Mischbestände mit Lärche (s. unten) oder Einzelbäume in Parks und Gärten.

Etwas ganz besonders Schönes und Einzigartiges sind die sog. Silser Kugeln, Bälle aus Lärchennadeln (Abb. 3). Sils ist ein kleiner Ort bei St. Moritz im Oberengadin/Schweiz in den Alpen. Die Lärchennadeln werden dort im Herbst, wenn sie von den ufernahen Bäumen ins Wasser gefallen oder geweht sind, vom ständig starken Talwind - da das Tal von Italien zu den Inneralpen leitet - ans Ufer getrieben, dort zunächst zu Bällchen und dann durch das ständige Hin- und Herrollen zu Kugeln bis Fußballgröße geformt. Diese Nadelbälle gibt es nur bei der Lärche, nur im Herbst und nur in Sils.

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Am Habitus der Lärche fällt zunächst der (wie bei den meisten Nadelbaumarten) bis in den Wipfel durchgehende Stamm auf, der im Alter dann aber oft markant in die Waagerechte umbiegt. Dies kann auch schon früher im Leben auftreten, wenn die Wurzeln auf Probleme stoßen, zum Beispiel auf Felsen oder auf andere Weise ungünstige Bodenverhältnisse. Als Kandelaberlärchen werden mehrwipfelige Lärchen bezeichnet, die wie Kerzenleuchter aussehen, wenn nach mehrfachem Wipfelbruch infolge Schnee- und Eislasten mehrere Seitenäste zu Wipfeltrieben werden.

Die ±waagerecht vom Stamm abstehenden Äste verlaufen an der Spitze charakteristisch bogenförmig nach oben, die Zweigspitzen sind alle aufgerichtet. Von diesen Hauptästen hängen die Feinzweige senkrecht herab, weshalb die Lärchenkrone sehr filigran wirkt und sich von vielen anderen Nadelbaumarten deutlich unterscheidet (Abb. 4). Die ebenfalls häufig bei uns verwendete Japanische Lärche (aus Japan, der Grund für ihren Anbau kommt weiter unten noch) unterscheidet sich von der Europäischen durch ihre rötlichen und bereiften, das heißt mit einem blaugrauen, wachsartigen Belag versehenen einjährigen Triebe - bei der Europäischen Lärche sind diese gelblich und unbereift.

Die Lärche bildet - für einen Nadelbaum ungewöhnlich - Kurz- und Langtriebe. An den sehr früh ergrünenden vielen Kurztrieben stehen bis zu 50 Nadeln dicht gedrängt im Büschel zusammen. Die Langtriebe hingegen erscheinen erst vier Wochen später und wachsen dann bis zum Spätsommer immer weiter. Da Kurztriebe zu Langtrieben durchwachsen können, besteht ein großes Potenzial der Kronengestaltung und -anpassung.

Der biegsame Stamm erweist sich bei Lawinenabgängen im Gebirge als Vorteil. Die Stammbasis ist in Hanglagen oft säbelartig gebogen und kann dann malerisch gekrümmt aussehen. Das inspirierte schon viele Künstler. Oft liegt davor noch ein Felsblock oder Gesteinsschutt, der durch die Lärchen am Weiterrollen gehindert wurde. Die Borke zeigt im Alter eindrucksvolle Plattenstrukturen, die rötlich-braunen Borkeschuppen werden sehr dick und ähneln dann der heimischen Kiefer und dem nordamerikanischen Mammutbaum (Abb. 5).

Durch den Nadelabwurf im Herbst sehen Lärchen im Winter einmalig aus: die Kronen voller kleiner Zapfen, aber vollkommen durchsichtig. Sie lassen also viel Licht durch die Krone durch, und dies auch im Sommer. Das macht sie als Gartenbaum so beliebt, neben ihrem frühen Austrieb und der phantastischen goldgelben und späten Herbstfärbung, die oft erst im November erfolgt (im Gebirge natürlich früher).

Die 'Champion Trees', die dicksten und vermutlich auch ältesten Exemplare der Europäischen Lärche auf der Welt, wachsen in der Schweiz in etwa 2000 Meter Höhe (im Wallis bei Nendaz, einem Skiort nahe Sion), mit Stammdurchmessern bis über 3 Meter. Wie Mammutbäume stehen dort einzeln auf den Bergwiesen über 250 uralte dicke Lärchen, eine schöner als die andere und jede ein Monument und Trump von Baum (Abb. 6). Dazu im Hintergrund die schneebedeckte 4000-er Kulisse zwischen Matterhorn und Mt. Blanc (wenn die Sicht mitspielt). An diesen Lärchen im Wallis haben eigene Untersuchungen ein Alter von 1250 Jahren ergeben. Diese Bäume haben also schon miterlebt, wie Karl der Große 773 die Alpen überquert hat. - In Deutschland ist eine der dicksten Lärchen zugleich der höchste Berliner Baum: im Tegeler Forst, mit 45 Meter Höhe und fast 1 Meter Stammdurchmesser (Brusthöhe).

Ökologie und Vorkommen

Bei der Lärche handelt es sich um eine Pionierbaumart, das heißt sie besiedelt Rohböden und Kahlflächen als erste (Abb. 7), und dort sind die Klimaextreme auch größer. Pionierbaumarten sind sehr lichtbedürftig (Lichtbaumarten), dies trifft für die Lärche ganz besonders zu, noch mehr als für die Kiefer: wenn eine Lärche in einem Mischbestand nicht ständig eine freie Krone hat, geht sie ein. Das kann man forstlicherseits verhindern, indem man die Lärchen den anderen Baumarten voranwachsen lässt und sie in Gruppen pflanzt - dafür ist ihr schnelles Jugendwachstum günstig.

Die Lärche kommt von Natur aus oft zusammen mit Zirbe, Fichte, Weiß-Tanne, Eberesche, Berg-Ahorn und Rot-Buche vor. Sie ist ein Baum der Mittel- und Hochgebirge, tritt aber auch im Hügelland auf und kann ebenso problemlos im Flachland gepflanzt werden. In den höheren Lagen der Alpen wird sie teilweise zur dominierenden Baumart und bildet dort auch Reinbestände, die dann die Landschaft prägen. Das sieht besonders im Herbst vor der Kulisse von hohen Felswänden traumhaft aus. Sie kommt bis in Höhenlagen von über 2500 Meter vor, kann dort die Waldgrenze bilden und wichtige Lawinenschutzfunktion übernehmen. Kaum eine andere heimische Baumart ist so frosthart: bis unter -40 Grad Celsius!

Die Lärche hat von Natur aus nur vier relativ kleine, vollkommen voneinander getrennte Verbreitungsgebiete. Dies ist durch die nacheiszeitliche Waldgeschichte und die Konkurrenz mit anderen Baumarten zu erklären: Aufgrund ihres hohen Lichtbedarfes ist sie während der Rückwanderung nach den Eiszeiten von anderen Schattenbaumarten in besondere Nischen gedrängt worden, in denen letztere nicht mehr so gut wachsen. Das heißt es gab früher einmal ein größeres zusammenhängendes Verbreitungsgebiet der Lärche, das dann zerrissen wurde.

Folgende vier Areale, die bei ihrem Anbau zu beachten sind, werden unterschieden: aus dem Hochgebirge die Alpen- und Karpatenlärche, aus Mittelgebirge & Hügelland die Sudeten- und Polenlärche. Bei uns ist die Lärche nur mit einem Minibestand ihres Alpenareals nahe der Grenze zu Österreich einheimisch, im südlichsten Zipfel Deutschlands in den Allgäuer Alpen bei Oberstdorf (allerdings hab ich sie dort nicht gefunden, und die Förster auch nicht) - das Bemerkenswerte ist, dass sie deshalb in ganz Deutschland (bis nach Flensburg) als einheimisch gilt, da dies nach Landesgrenzen entschieden wird . . .

Besondere Nährstoffansprüche hat die Lärche nicht, sie kommt mit allen Böden zurecht, außer bei hoch anstehendem Grund- oder Stauwasser. Luftfeuchte Lagen sind ungünstig wegen des hohen Krebsrisikos (die pilzbedingte Krankheit tritt dort regelmäßig auf), in solchen Lagen wird deshalb die resistente Japanische Lärche angebaut.

Wenn hessische Förster vom "Grand German" sprechen, dann wissen Kenner sofort, wovon die Rede ist: vom höchsten Lärchenbaum unter den sog. Schlitzer Lärchen, einem großen Lärchenbestand nordwestlich von Fulda. Mit über 20 Kubikmetern Holzvolumen ist dieser Baum nicht nur der stärkste Stamm dort, seine Höhe von 55 Meter macht ihn auch zum längsten der Republik, bei einem Stammdurchmesser von 1,17 Meter (Brusthöhe). Das dortige ursprüngliche Laubholzgebiet zählt zu den ältesten Lärchenanbaurevieren in Deutschland - seit 1742.

Nutzung, Verwendung, Heilkunde

Die Lärche liefert eines der wertvollsten und härtesten heimischen Nadelhölzer. Bei den Förstern ist die Baumart daher sehr beliebt, allerdings kommt sie derzeit nur auf etwa 1 Prozent der Waldfläche vor. Lärchenholz ist dauerhaft durch den hohen Harzgehalt (harziger als Kiefern), auch wenn es unbehandelt der Witterung ausgesetzt ist.

Es kann daher sehr gut im Außenbereich verwendet werden, zum Beispiel für Fassadenverkleidungen (Abb. 8), Brücken, Masten, Zaunlatten, Holzpflaster und Dachschindeln (voll im Trend). Beliebt ist Lärchenholz vor allem als Konstruktionsholz für innen und außen. Auch bei Wasserbauten und im Bootsbau ist es ungeschlagen und hält dann problemlos über 500 Jahre, alte Wasserleitungen waren oft aus Lärchenholz, die kann man im Wallis auch gleich mit bewundern. Zudem ist das Holz durch seine rötliche Färbung des Kernes sehr attraktiv und riecht in frischem Zustand angenehm aromatisch. Es ist das beste Holz für Kübel und Bottiche, sagen die Böttcher.

Die Lärche ist zudem ein idealer Garten- und Stadtbaum (Abb. 9), da sie viel Licht durchlässt, im Frühling sehr früh austreibt und sich im Herbst sehr spät und leuchtend verfärbt. In den Bergen ist sie zusammen mit dem Berg-Ahorn die beliebteste Hausbaumart, sie übernimmt dann die Funktion des Schutzpatrons für Haus und Hof. Die Schönheit dieser Baumart ist vielfach in Dichtung, Kunst und Fotografie verewigt worden. Ihr filigraner Habitus und die Fähigkeit zur Kurztriebbildung machen sie zudem zu einem besonders beliebten Baum der Bonsaifreunde.

Das beste Terpentin ist das venezianische oder Lärchen-Terpentin, es wird aus noch frischen Harzausflüssen der Europäischen Lärche gewonnen. Daraus lässt sich ein wertvolles Terpentinöl gewinnen, das lange Zeit das wertvollste Heilmittel beziehungsweise Grundlage für Heilsalben war. Bedeutung in der Heilkunde hat die Lärche daher wohl bereits seit der Steinzeit erlangt: Lärchensalbe ist sehr wirksam zur Wundheilung, bei Rheuma und Erkältungskrankheiten, Rezepte dafür wurden schon bei den Römern beschrieben. Auch die positive Wirkung in der Aromatherapie und Duftheilkunde ist seit langem bekannt.

Inhaltsstoffe von Holz und Nadeln werden bis heute in der Kosmetikindustrie verwendet (für Hautmasken, Rasiercremes u. a.).

Mythologie und Brauchtum

Das Wort Lärche kommt direkt vom lateinischen larix. Das wissenschaftliche Beiwort decidua heißt 'laubabwerfend'. Die Lärche war schon zu Urzeiten von besonderer mythologischer Bedeutung, vor allem im Gebirgsraum: sie galt im Volksglauben als Heimstatt wohlgesonnener Waldfeen, im Altertum war sie daher heilig. Diese Waldfeen geleiteten verirrte Wanderer auf den rechten Weg, gaben den Armen Geldbeutel die niemals leer werden, Brotkästen die ewig gefüllt bleiben und Käselaibe die stets nachwachsen. Als Schutzbaum vor bösen Geistern, Blitzeinschlägen und anderem Unheil stand und steht die Lärche im Gebirge oft in der Nähe des Wohnhauses beziehungsweise Hofes - bisweilen auch im Flachland (Abb. 9). Wenn im Alpenraum einer einen Lärchenzweig an das Haus eines Mädchens steckt, das sich "daneben benommen" hat, sagt man dort: er hat gelärcht.

Literatur

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  • Wagenführ, R., 2007: Holzatlas. 6. Aufl. Hanser Verlag, München.
  • Welch, H. J., 1991: The Conifer Manual. Vol. 1. Kluwer Academic Publishers, Dordrecht, The Netherlands.

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