Verona

Ein "toskanischer" Garten als Trostspender

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Die Anlage eines Gartens, seine Gestaltung, Pflege und Unterhaltung hat etwas Kontemplatives. Gärten sind auch Orte für die Seele, zur romantischen oder wehmütigen Erinnerung. Wenn Geflüchtete der Gegenwart bei uns ankommen, legen sie, sofern sie dazu die Möglichkeit haben, oft einen Garten an und verarbeiten in ihm durch die Art der Gestaltung, Auswahl der angebauten Früchte oder seine Ausstattung auch ihre Gedanken an die Heimat. Ähnlich hat es auch schon die Familie Giusti vor rund 450 Jahren gemacht. Sie musste aus der Toskana nach Venetien flüchten und fand in Verona ein neues Zuhause.
Italien Parks und Gärten
1 Am Rande der östlichen Altstadt Veronas (rechts und Bildmitte) liegt der Giardino Giusti (grüne "Zunge" am Bildrand links oben). Das Grün folgt dem Geländesprung und mündet unten in den Ehrenhof des Palastes. Foto: Thomas Herrgen

Die Giusti waren allerdings sehr reich, kauften einen Palazzo am Rand der Innenstadt und ließen sich einen "toskanischen" Garten anlegen. Nach diversen Umgestaltungen, Kriegseinwirkungen, Stürmen und zuletzt einem lokalen Hurrikan hat sich der Garten zwar auch verändert, sein Grundprinzip im Stil der Renaissance ist jedoch bis heute erhalten geblieben.

Verona – Große Oper in Venetien

Die Alpen quer durch Mitteleuropa definieren eine scharfe Klima-, Kultur- und Sprachgrenze. Südlich des Gebirges erstrahlt ein anderes Licht. Mediterrane Städte, Plätze mit morbidem Charme und versteckte Gärten verzaubern die Besucherinnen und Besucher, wie auch in Verona. Die Stadt gilt als das nördliche Tor nach Italien, sie ist bekannt für die Oper in der Arena di Verona (Giuseppe Verdi) und den Balkon von Romeo und Julia (William Shakespeare). Als einst wichtigster Außenposten der Republik Venedig gehörte Verona später lange zu Österreich und seit 1866 zur Region Venetien im neuen Königreich Italien. Die Menschen der Stadt zelebrieren ihr Ars vivendi auf Plätzen, in Gassen, am Flussufer der Adige (Etsch) und in ihren verwunschenen Grün- und Parkanlagen. Dazwischen liegt das 2500 Jahre alte Zentrum mit der Arena im Mittelpunkt. Die Veroneser Altstadt steht seit dem Jahr 2000 auf der Liste des UNESCO-Welterbes. Öffentliches, halböffentliches und privates Grün ist in der hoch verdichteten Stadtmitte sehr rar. Doch am Rande des Zentrums, versteckt und von außen kaum zu erkennen überrascht dann ein verwunschenes grünes Kleinod.

Hinter Palastmauern, etwas nordöstlich der Altstadt liegt der rund einen Hektar große und mehr als viereinhalb Jahrhunderte alte Garten der Adelsfamilie Giusti. Er gilt als einer der ältesten, besterhaltenen und schönsten Spätrenaissance Gärten Italiens und Europas.

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2 Der formale Gartenteil ("Französisches Parterre") wirkt durch die streng geschnittenen Buchsbaumhecken und die säulenförmigen Zypressen. Foto: Thomas Herrgen
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3 Viele Brunnen und Wasserspiele zieren den Garten an neuralgischen Punkten und sorgen für Erfrischung. Foto: Thomas Herrgen

Ein Garten spendet Trost

Hinter Palastmauern, etwas nordöstlich der Altstadt liegt der rund einen Hektar große und mehr als viereinhalb Jahrhunderte alte Garten der Adelsfamilie Giusti. Er gilt als einer der ältesten, besterhaltenen und schönsten Spätrenaissance Gärten Italiens und Europas. Die Familie Giusti hatte im Zuge eines Machtstreits ihre toskanische Heimat verlassen müssen, erhielt in der Republik Venedig Exil und fand in Verona eine neue Heimat. Mit Wollfärberei, Mühlen und ihrem Geschäftssinn wurde sie schnell wieder sehr wohlhabend. Der Bau eines Stadtpalais und die Anlage eines schönen, an die Toskana erinnernden Gartens sollten den Schmerz der verlorenen Heimat mildern. Und dies gelang eindrucksvoll. Agostino Giusti (1548–1615) ließ den klar strukturierten Garten ab 1570 anlegen und in den folgenden Jahrzehnten ausbauen, ausschmücken und vervollständigen. Er ist vom Palast im Südwesten und einer natürlichen Abbruchkante aus Tuffstein an der Nordostseite des Grundstücks begrenzt. Mauern und Nebengebäude schließen den Garten an den übrigen Seiten ab, sodass ein klar begrenzter und geschützter Raum entstand. Im Unterschied zu vielen anderen Anwesen, wo die Villa in der Regel auf einem Hügel steht, wurde dieser Garten ganz anders angelegt. Die Residenz ("Piano Nobile") steht unten, dahinter liegt ein Ehrenhof ("Corte d'onore"), von dem eine prächtige Allee auf zentraler Achse zum "Belvedere" führt, das den Besucher*innen einen herrlichen Ausblick auf die Stadt bietet.

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4 Vom Ehrenhof aus führt das große Haupttor (Mitte) in den Garten. Für Besuchende (Besichtigung) dient die kleine Tür links daneben. Foto: Thomas Herrgen
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5 Das Belvedere hoch oben am Hang des Gartenareals diente als Rückzugsort. Noch heute lässt sich von dort ein wunderschöner Blick über Verona genießen. Foto: Thomas Herrgen
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6 Unterhalb der Einsiedelei am Hang sollte die in den Stein gemeißelte "Fratze" das Böse vertreiben. Dazu wurde sie damals auch befeuert, Flammen züngelten aus ihrem Maul und Rauch stieg auf. Foto: Thomas Herrgen
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7 Mit dem isometrischen Gartenplan lassen sich alle Bereiche der Anlage gut erkunden.Plan: ©Giardino Giusti

"Französisches" Parterre

Dazwischen liegen sechs von Hecken begrenzte, nach Nordosten kontinuierlich ansteigende Parterre Felder mit diversen Brunnen aus Sandstein, Statuen und kunstvoll geschnittenem Grün. Zypressen als Alleen und in Reihen betonen die Haupt- und Querachsen. Einer der Gartenquadranten wurde, ganz typisch für die Renaissance, als Heckenlabyrinth angelegt, das dem darin verlorenen Menschen physisch und geistig die Ausweglosigkeit seines Daseins versinnbildlichen sollte. Nachdem das Labyrinth zwischenzeitlich, durch Teilzerstörung im Zweiten Weltkrieg und folgender Vernachlässigung nicht mehr existierte, wurden die Heckenstrukturen aus Buchsbaum nach 1945 rekonstruiert und in jüngerer Zeit (wegen den verschiedenen Buchsbaumkrankheiten) nochmals komplett neu gepflanzt.

Die heutige Form des Gartens geht auf einen Plan des Architekten Luigi Trezza aus dem 18. Jahrhundert zurück. Damals wurden die (zu) vielen Zypressen, die sich häufig kreuzten und die Sicht versperrten, reduziert und das Parterre wieder freigelegt. Der Garten erhielt um 1765 seine symmetrischen Beete im barocken "französischen" Stil, die mit Figuren von Lorenzo Muttoni ausgeschmückt wurden, so etwa Adonis, Apollo, Atlanta, Diana oder Venus. Die zentrale Zypressenallee vom Palast durch den Garten endet unterhalb einer in den Tuff eingelassenen Steinmaske.

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8 Der Eingang zum Labyrinth. Foto: Thomas Herrgen
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9 Das Labyrinth wurde schon mehrfach zerstört (zuletzt Zweiter Weltkrieg, Buchbaumkrankheiten) und wieder neu gepflanzt. Es hat in der Gartenkunst der Renaissance eine große Bedeutung. Foto: Thomas Herrgen
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10 Skulpturen und andere Ausstattungen schmücken den Garten. Bisweilen hat der Zahn der Zeit an ihnen genagt. Foto: Thomas Herrgen
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11 Der verwunschene und umrankte Pergolengang führt vom Garten hinauf zum Belvedere. Foto: Thomas Herrgen
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12 An der großen Querachse hinter dem Eingang stand die "Goethe-Zypresse" (hier rechts im Bild). Sie wurde vor drei Jahren von einem Hurrikan vernichtet. Foto: Thomas Herrgen

Alte Pflanzen mit "Goethe-Zypresse"

Der Giusti Garten ist seit jeher für seine vielen Zypressen bekannt. Im September 1786 besuchte Johann Wolfgang von Goethe im Rahmen seiner Italien-Reise auch Verona und den Giardino Giusti. Eine damals schon sehr große, deutlich mehr als 300 Jahre alte Mittelmeer-Zypresse (Cupressus sempervirens var. Stricta) hatte ihn in allen Teilen und wegen der aufrechten Form sehr fasziniert. Er fand, dass dieser Baum "der Verehrung wert" war. Diese Zypresse wäre inzwischen rund 600 Jahre alt. Sie stand im ersten Querweg gleich hinter dem Garteneingang. Am 23. August 2020 fiel sie einem gewaltigen lokalen Hurrikan zum Opfer. An ihrem Stamm hing ein mehrsprachiges Schild, das auf Goethes Besuch hinwies.

Ein weiterer Baum, die Libanon-Zeder (Cedrus libani) stand etwa 100 Jahre als Solitär im nördlichen Gartenbereich, unterhalb des Belvedere Pavillons. Die weit ausladenden Äste mit den typisch grau-blauen Nadeln fielen in dem ansonsten eher dunklen Grün des Gartens auf. Der Baum hatte schon diverse Unwetter überlebt und musste danach mit Seilen aufrecht gehalten werden. Vor einigen Jahren wurde er dann aus Sicherheitsgründen gefällt.

Zu den zahlreichen Kübelpflanzen im Garten gehören etwa der rot blühende Scharlach-Hibiskus (Hibiscus coccineus), in großer Zahl und Fülle der Kap-Bleiwurz (Plumbago auriculata) und natürlich Zitronenbäumchen (Citrus x limon). In den Randbereichen vor Mauern und Zäunen rankt Wilder Wein (Parthenocissus quinquefolia) und davor am Boden wachsen beispielsweise gelbe Sonnenhüte (Rudbeckia spec.) und Weiße Herbst-Anemonen (Anemone japonica 'Honorine Jobert') verspielt in die Kieswege hinein. Neben den vielen Brunnen an Wegkreuzungen stehen an exponierter Stelle auch wassergefüllte Sandsteintröge mit Seerosen. Insgesamt ist die Artenanzahl jedoch gering. In den Parterre-Feldern wächst hauptsächlich Rasen und der Garten ist von Buchs-Strukturen, den Zypressen und seinem "Sacro bosco" ("Heiliger Wald") am Hang geprägt.

Einordnung

Einsiedelei und Belvedere

Die unfreundlich dreinblickende "Fratze" sollte – so die Gedanken jener Zeit – das Böse vertreiben und den Besuchenden vermitteln, dass es nicht nur Schönheit, Kunst und Edelmut gibt. Die hohle Steinfigur wurde früher sogar von innen befeuert, Flammen züngelten aus dem Fratzenmaul und sie qualmte stark, damit der Eindruck noch erschreckender und "böser" war. Unterhalb der Maske liegen eine Grotte sowie tief in den Berg getriebene Höhlengänge, die früher mit Spiegeln an den Wänden versehen waren. Beim Sprechen entstand zudem ein Echo in der Höhle, insgesamt ein sehr irritierender verstörender Gesamteindruck.

Und wer den Garten bis zum äußersten Ende nach oben durchstreift, wird von Rankpflanzen und Blüten gesäumt, verwunschenen Gängen folgend dann auf dem Belvedere mit einem Pavillon ankommen. Hier oben ist der Gartengrundriss besonders gut ablesbar und ein herrlicher Blick über Veronas Altstadt belohnt die Mühen des steilen Aufstiegs.

Der Giardino Giusti blieb von Romantisierungen des späten 19. Jahrhunderts zwar nicht ganz verschont, doch die damals vorgenommenen landschaftsgärtnerischen Veränderungen wichen schon bald dem klassizistischen Geschmack der 1930er Jahre. In dieser Zeit wurde die strenge Gliederung des unteren Teils am Palast in ihrer ursprünglichen Form wiederherstellt. Mit Ausnahme der Kriegs- und Unwetterzerstörungen blieb der Garten in seiner Formensprache und stilistisch bis heute so erhalten.

Zu weiteren bedeuten Villen mit historischen Gärten rund um Verona gehören etwa die Villa Arvedi, die Villen Trissino Marzotto und Rizzardi oder Richtung Vicenza die Villa Fracanzan Piovene. Der Reichtum an Architektur und Gärten ist in der Region groß und beeindruckend, doch Giusti ist mit Sicherheit einer der herausragenden. Bei der Wahl des schönsten Parks/Gartens von Italien 2019 gehörte er zu den Finalisten.

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15 Zaungast innerhalb des Gartens: Der rot blühende Scharlach-Hibiskus (Hibiscus coccineus) leuchtet in der Sonne. Foto: Thomas Herrgen
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13 Blau blühender Kap-Bleiwurz (Plumbago auriculata) als Kübelpflanze. Foto: Thomas Herrgen
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Privatgarten mit öffentlichen Nutzungen

Der Giardino Giusti ist in Privatbesitz. Er zählt zu den etwa 100 Gärten auf der Liste der Grandi Giardini Italiani ("Große Gärten Italiens"). 2020 konnte das 450. Jahr seines Bestehens (1570–2020) gefeiert werden. Doch die Coronakrise sorgte dafür, dass die Gartensaison zunächst gar nicht beginnen konnte. Aufgrund des landesweit geltenden Lockdowns in Italien musste er, wie alle anderen öffentlichen Einrichtungen, geschlossen bleiben. Erst seit dem 9. Mai 2020 war er, mit entsprechenden Beschränkungen und Auflagen, wieder geöffnet, um am Ende des Jahres dann wieder schließen zu müssen. Bei ähnlichem Hin und Her ging es in den Jahren 2021/22 weiter, mit Maskenpflicht und Händedesinfektion, Schließungen und Wiedereröffnungen.

Inzwischen ist auch in Italien die Pandemie praktisch vorbei und der Garten kann wieder ganz normal besucht werden. Es gibt zudem zahlreiche Führungen und Veranstaltungen, auch Konzerte (Zusatzentgelt) und am 6. und 7. Mai 2023 fand erstmals die "Verona Flower Show" im Giardino Giusti statt, eine Art Markt mit Pflanzen, regionalen Spezialitäten, Ausstattungen und Gartenprodukten von hoher Qualität, Kunsthandwerk, auch kreative Demonstrationen und didaktisch angeleitetes Arbeiten. Veranstaltungen wie all die genannten sollen dazu beitragen, den gewachsenen, sehr alten Garten zu beleben und auch als Ort der Gegenwart zu definieren. Ungeachtet dessen bleibt der Giardino Giusti ein wertvoller historischer Garten mit langer Geschichte, den zu besuchen sich auch abseits von Veranstaltungen mit Ruhe und Kontemplation immer lohnt.

Weitere Garteninformationen

Im Internet:

Adresse:

Giardino Giusti
Via Giardino Giusti, 2
IT-37129 Verona

Eintritt (Stand 2023):

  • Erwachsene 11,- EUR (Normalpreis)
  • Studierende 8,- EUR (ermäßigt)
  • Andere Ermäßigungen 5,-/8,- EUR
  • Gruppen ab 15 Personen 8,- EUR/je Pers.
  • Familienkarte (2 Erw., 1 Kind) 20,- EUR
  • Familienkarte (2 Erw., 2 oder mehr Kinder) 30,- EUR

Kleingruppen, Gruppen und Schulgruppen müssen sich vorab anmelden

Geöffnet (normalerweise):

Täglich von 10–19 Uhr (letzter Zugang bis 18 Uhr möglich)
Bei Veranstaltungen und Konzerten gelten abweichende Öffnungszeiten.

Dipl.-Ing.(FH) Thomas Herrgen
Autor

Landschaftsarchitekt

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