Zur Verantwortung von Politik und Gesellschaft für das Grün

Vom Gemüsegarten zum Landschaftspark

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Englische Gärten Landespflege
Abb. 1: Im Mittelalter waren die Städte, hier das Beispiel Nürnberg, mit einer Mauer zur Außenwelt abgegrenzt. Die eng bebaute Stadt bot kein Platz für "Natur" – Gärten wurden außerhalb der Stadtmauer angelegt. Foto: Andreas Agne, pixelio.de

Jahrtausende lebten Menschen im Gleichklang mit der Natur. Es war die Zeit der Jäger und Sammlerinnen. Sie lebten von der Natur, waren Teil der Natur. Dann wird der Mensch sesshaft, die ersten Häuser und Gärten entstehen, damit ändert sich der Umgang mit der Natur.

Um sesshaft werden zu können, muss Natur "Untertan gemacht werden", wie es im Schöpfungsbericht der Bibel heißt. Wald wird gerodet, um Hütten und Gärten anzulegen. Aus dem Wort colere, es bedeutete den Boden bearbeiten, entwickelte sich das heutige Wort Kultur. Colere hieß aber auch verehren. Der vom Acker lebende Mensch zeigte damit seinen Respekt, seine Dankbarkeit für die ewige Fruchtbarkeit der "Mutter Natur", dem Ackerboden. Vom Respekt gegenüber der Natur sind wir heute weit entfernt, Ackerböden werden ausgelaugt, vergiftet, der Naturverbrauch nimmt weltweit zu, durch Bebauung, durch roden der Urwälder. Landschaft ist zum Verbrauchen da.

Die mittelalterliche Stadt war dicht bebaut. Stadtmauern grenzten den Außenbereich ab, es ist kein Platz für "Natur". Gemüse- und Obstgärten entstehen außerhalb der Stadtmauer. Der einstige Waldbewohner fürchtet nun den Wald. Im Mittelalter galt Wald als etwas Bedrohliches. Das änderte sich mit der Renaissance, es war die Zeit der Aufklärung. Maler des 15. Und 16. Jahrhunderts, wie Claude Lorrain (1600-1682) oder Nicolas Poussin (1594-1665), stellten in ihren Gemälden Landschaften als Idylle dar, lichte Auen, mit weidenden Schafen, lauschigen Waldpartien, ein Blick auf einen See, einen rauschenden Bach, eine Felsengruppe mit Wasserfall. Schriftsteller beginnen sich mit dem Thema Natur zu beschäftigen. Ein sehr frühes Beispiel überliefert Francesco Petrarca (1304-1375), er beschreibt 1336 die Besteigung des Mont Ventoux in Südfrankreich.

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Abb. 2: 1336 beschreibt Francesco Petrarca, als einer der ersten Schriftsteller ein Naturerlebnis,hier die Besteigung des Mont Ventoux in Südfrankreich. Foto: Hape Bolliger, pixelio.de
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Abb. 3: Der Barockpark in Versailles verkörpert den Machtanspruch Ludwig XIV: „Alles ist mir Untertan – auch die Natur“. Englische Philosophen entwickeln als Gegenmodell den „natürlichen Garten“ – der „Englische Garten“ erobert die Welt. Foto: Mechthild Klett

Es dauerte noch Jahrhunderte bevor "Landschaftsbetrachtung" Teil der allgemeinen Gesellschaftskultur wurde. An dieser Entwicklung waren maßgeblich englische Philosophen beteiligt, die den "Naturgarten" als Gegenmodell des künstlichen Barockgartens entwickelten. Dies war ursprünglich ein politischer Prozess, mehr als nur eine neue Mode. Es war die Auseinandersetzung englischer Demokraten mit dem Absolutismus, besonders ausgeprägt im benachbarten Frankreich, verkörpert durch Ludwig der XIV. Sein Anspruch "alles sei mir Untertan" war äußerlich ablesbar im formalen Barockgarten, der beherrschten Natur. Alle Perspektiven der gestutzten Alleen und Bosketts waren auf das Schloss, auf Ludwig XIV. ausgerichtet. Seine Kritiker verglichen die Vergewaltigung der Natur mit der Vergewaltigung des Volkes. So vergleicht der Dichter Alexander Pope (1688-1744) den geschnittenen Baum des Barockgartens wie einen zurechtgestutzten Lakaien. Dagegen sei der freistehende Baum ein Symbol der Freiheit, sei "edler als ein Monarch in seinem Königsgewand".

In England entsteht der erste "Naturgarten". Sehr bald merken ihre Schöpfer, dass Gärten einer gestalterischen Regel bedürfen. Sie nehmen Anleihe an den Bildern der Landschaftsmaler und so entsteht Ende des 17. Jahrhunderts der neue Gartenstil, der "Englische Garten". Er erobert sehr schnell den europäischen Kontinent, auch die der Centralpark in New York ist als Englischer Garten angelegt.

Der genius loci, der Blick auf die vorhandene Natur, die umgebende Landschaft, die gegebene Topografie und Vegetation, wird Grundlage der Parkgestaltung. Der "Naturgarten" soll möglichst so naturnah wirken, dass man die gestaltende Hand des Menschen nicht merkt. So schreibt Christian Cay Lorenz Hirschfeld (1742-1792), der berühmte Kunstkritiker seiner Zeit, im 4. Band seiner in den Jahren 1779 bis 1785 fünfbändig entstandenen Theorie der Gartenkunst: "Die schöne Gartenkunst kann kein anderes Geschäfte haben, als dem natürlichen Charakter der Gegenden nachzuhelfen, um ihre Wirkungen gewisser und eindringlicher zu machen". Und "alles scheint Natur, so glücklich ist die Kunst versteckt", urteilte Hirschfeld, als er den Landschaftspark Schönbusch, bei Aschaffenburg, eine Schöpfung von Friedrich Ludwig von Sckell, besichtigte. Es galt als höchstes Lob, dass ein Landschaftsgarten so naturnah angelegt sei, dass man die gestaltende Hand des Menschen nicht bemerke.

Landschaftsgärten waren private Gärten, keine Volksgärten, wenn auch vielfach das Volk Zugang erhielt. Die neue Naturphilosophie fand Eingang in die Gesellschaft. Bildungsbürger gründeten im 19. Jahrhundert in vielen Städten Verschönerungsvereine. Sie verschönerten das Stadtumfeld, die Stadtlandschaft, legten Wege und Aussichtsplätze an, bauten Aussichtstürme, pflanzten Alleen, sorgten sich um Aufforstungen, schufen Stadtparks. Ein berühmtes Beispiel ist der 1865 gegründete "Bürgerparkverein Bremen". Noch heute unterhält der Verein, mit seinen 3000 Mitgliedern und einem großen Freundeskreis den Park und bildet ein großartiges beispielhaftes bürgerliches Engagement. Im Jahr 2011 hat die Deutsche Gesellschaft für Gartenkunst und Landschaftskultur, DGGL, den Park mit dem DGGL-Kulturpreis, dem goldenen Lindenblatt ausgezeichnet, ein Preis, den der damalige DGGL-Präsident Dr. Klaus-Henning von Krosigk 2001 ins Leben gerufen hatte.

Verschönerungsvereine gab es in vielen Städten. Neben Maßnahmen der Orts- und Landschaftsverschönerung übernahmen sie auch die Betreuung der Gäste, waren Vorläufer des aufkommenden Tourismus, der späteren Verkehrsvereine und Touristikbüros und sie waren Gedankengeber der heutigen Naturschutzvereine. In diesem Geist entstand auch der Vorläufer der heutigen DGGL, der Verein deutscher Gartenkünstler (VdG), der sich am 10. Mai 1887 in Dresden mit dem Ziel gründete, Garten- und Landschaftskultur zu fördern.

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Abb. 4: Der Centralpark in New York wurde 1857 von Frederik Law Olmstedt und Calwert Vaux im englischen Landschaftsstil als Volkspark angelegt – 350 Hektar „Natur“ im eng bebauten Manhatten. Foto: Library of Congress; Historic American Engineering Record, public domain
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Abb. 5: Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau (1740–1817) lehnte den Barockpark ab und schuf nach englischen Vorbildern das Gartenreich Wörlitz, eine14 500 Hektar große Parklandschaft, das heutige Biosphärenreservat Mittelelbe; seit 2000 Weltkulturerbe. Foto: Peter Oemisch, CC BY-SA 3.0
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Abb. 7: Peter Joseph Lenné, (1789–1866) General-Gartendirektor der königlich-preußischen Gärten, prägte ein halbes Jahrhundert lang die Garten- und Landschaftskunst in Preußen nach dem Vorbild englischer Landschaftsgärten mit Schwerpunkt im Berliner-Potsdamer Kulturraum. Foto: Gemeinfrei

Ein frühes Beispiel einer gestalteten Parklandschaft ist das vom Fürst Franz von Dessau (1740-1817) geschaffene Gartenreich Wörlitz, das heutige Biosphärenreservat Mittelelbe, seit 2000 Weltkulturerbe ist.

Einige Jahrzehnte später bestimmt Peter Joseph Lenné (1789-1886), der preußische General-Gartendirektor, die Garten- und Landschaftsszene. Er prägte fast ein halbes Jahrhundert die Gartenkunst in den preußischen Staaten und Nachbarländern. Etwa 220 Parkanlagen entstanden unter seiner Regie, dazu viele Gärten hoher Persönlichkeiten. Und er war Landschaftsgestalter mit dem Bestreben, Landeskultur und Landesverschönerung zu optimieren. Ihm verdanken wir die weitläufige Potsdam-Berliner Havel-Landschaft, heute Welt-Kulturerbe. Lenné war ebenso ein sozialpolitisch orientiert. Er forderte Parkanlagen "nutzbar für alle Schichten der Bevölkerung, in denen sich alle als gleiche Glieder einer freien Gemeinschaft begegnen sollten". Es entstand unter seiner Regie 1825 der erste Volksgarten in Deutschland, der 11 Hektar großen Klosterbergegarten am Elbufer in Magdeburg.

Besonders hervorzuheben ist Lenné's städtebauliches Engagement. Für den Aufbau der aufstrebenden Millionenstadt Berlin, forderte er einen geordneten Stadtorganismus als Gegenmaßnahme des beginnenden anarchistischen Wachstums. Noch heute beispielhaft sein 1840 eingereichter Plan "Schmuck- und Grenzzüge von Berlin und Umgebung". Der Berliner Tiergarten trägt Lennés Handschrift. 1818 beauftragte Friedrich der Große Lenné, den von Knobelsdorf 1772 gestalteten Lustgarten in einen Landschaftspark umzuwandeln, ehemals der Jagdpark der preußischen Könige. Lange Zeit fand Lenné'sches Denken und Handeln keine Fortsetzung, denn es entstanden viele trostlose Mietskasernen ohne ausgleichendes Grün. Das führte zu Gegenreformen. In England entstand die "Stadt von morgen", die Gartenstadt, der europäische Beispiele folgten.

Die erste Gartenstadt in Deutschland war die Margaretenhöhe in Essen, 1906 vom Industriellen Krupp für seine Angestellten geschaffen. Der Gartengedanke fand auch Eingang in den Geschosswohnungsbau der 20iger Jahre, in vielen Siedlungen der zwanziger Jahre, gehörte zu jeder Wohnung ein Mietergarten. Und es kam zur Errichtung der ersten Volksparks.

Volksparke waren ausgestattet mit Spiel- und Sporteinrichtungen, Kleingärten, großen Liegewiesen. Sie entstanden gleichzeitig in mehreren Städten. In Berlin schuf Gustav Meyer, der erste Berliner Gartenbaudirektor, Schüler von Lenné, die Volksparke Friedrichshain, Humboldthain und Treptower Park. Meyers Nachfolger, Herman Mächtig, Erwin Barth und schließlich Erhard Mahler, der letzte Berliner Stadtgartendirektor, (seine Stelle wurde eingespart!) setzten diese Tradition fort. Die genannten Gartenbaudirektoren waren, wie einst Lenné, auch gesellschaftspolitisch tätig. Erhard Mahler wirkte zum Beispiel, neben vielen anderen ehrenamtlichen Tätigkeiten, als DGGL-Präsident in der Zeit von 1985-1991.

Kampf um Anerkennung des Berufsstandes

Der Berufsstand Landespflege kämpfte lange um Anerkennung. Die Notwendigkeit einer gärtnerischen Fortbildung erkannte bereits Lenné. Hofgärtner, wie die leitenden Gärtner in den höfischen Parkanlagen genannt wurden, waren in ihrer Fortbildung vom Wohlwollen und Verständnis ihrer Herrschaft abhängig. Man schickte sie auf Reisen, um andere Gartenanlagen zu studieren.

Ein Englandaufenthalt war Pflicht. Lenné, wie viele andere Hofgärtner dieser Zeit, besuchten englische Gärten, er studierte auch an der Pariser Ècole Polytechnique und erwarb dort zeichnerische und städtebauliche Kenntnisse. So war es ihm ein Anliegen, die gärtnerische Weiterbildung in Preußen zu fördern. Er gründete die "Lehranstalt für Gartenbau", ansässig zunächst in Potsdam-Wildpark, dann als Lehr- und Forschungsanstalt in Berlin-Dahlem, Vorläufer der heutigen Berliner Hochschule für Technik in Berlin (s. a. S+G Forner xyz) und er gründete die Deutsche Gartenbaugesellschaft (DGG), die 2022 ihr 200-jähriges Jubiläum auf der Insel Mainau feiern wird (s. a. S+G, Neumann 01-2022, S. x-y). Dies gelang ihm dank guter Vernetzung mit Persönlichkeiten seiner Zeit, besonders der kollegialen Zusammenarbeit mit dem preußischen Baumeister Karl Friedrich Schinkel, dem Kontakt mit dem Landwirtschaftsexperten Albrecht Thaer, dem Wissenschaftler Alexander von Humboldt und den Industriellen Siemens und Borsig.

Verkehr contra Lebensqualität - Landschaft ohne Eigenwert

Die "Europäische Stadt" verkörpert das Idealbild historischer Städte, mit malerischen Gassen, Plätzen und Gärten, Palästen und Kirchen. Es sind Touristen-Magnete, deren Qualität der heutige Städtebau nicht nachzubilden vermag. Das liegt vor allem am Verkehr. In historischen Städten des 18./19. Jahrhunderts war der Verkehr überschaubar, es war das Zeitalter der Kutsche. Das änderte sich mit dem motorisierten Verkehr und der Erfindung von Auto und Lkw. Der Verkehr zwängte sich in nicht dafür gebaute Städte. Das Auto verdrängte die Fußgänger*innen, besetzte Gassen und Plätze. Im Bauboom der Nachkriegszeit nahm das Verkehrsraufkommen rasant zu, denn Credo war die autogerechte Stadt. Breite Verkehrsschneisen wurden in den schon engen Stadtkörper geschlagen. Alleen verschwanden, Fußgänger*innen, durch Ampeln gesteuert, waren die Leidtragenden.

Eine Autogerechte Gestaltung war auch der Maßstab beim Bau neuer Siedlungen. Jede Wohnung musste mit dem Auto erreichbar sein und war ein hausnaher Parkplatz zugeordnet. Es gab weitaus mehr Parkplätze als Spielplätze. Die neuen Siedlungen waren zwar besser durch grünt, doch gab es keine zusammenhängenden Flächen, die für einen Siedlungspark geeignet gewesen wären. Das enge Straßennetz zerschnitt den Freiraum in kleine Flächen. Es fehlte der einflussnehmende Lenné, Landschaftsarchitekten mussten sich begnügen, die anfallenden Restflächen zu begrünen.

Dass es auch anders ging, zeigten frühe Beispiele aus Schweden, zum Beispiel die Siedlung Södra Tynnered in Göteburg. Ein einfaches Konzept kam hier zur Anwendung. Alle Parkplätze lagen an der Peripherie der Siedlung, das ergab einen großen autofreien Raum im Zentrum, im Fall von Södra Tynnered entstand ein etwa 30 Hektar großer Siedlungspark, mit Platz für Kita und Grundschule. Doch das Modell fand keine Nachahmung, zu stark war die Autolobby. Erst heute beginnt ein langsames Umdenken, man beginnt, autofreie Gebiete auszuweisen.

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Abb. 6: Der britische Genossenschaftssozialist Ebenezer Howard schuf 1898 das Modell der Gartenstadt als Modell gegen die asozialen Wohnverhältnisse in den Slums der damaligen rasant wachsenden Großstädte. In Deutschland entstand als erste Gartenstadt 1906 die Margarethenhöhe in Essen. Foto: Raenmaen, Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0
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Abb. 8: Christina von Brühl konzipiert Ende des 18. Jahrhunderts einen der ältesten deutschen Landschaftsgärten, das Seifersdorfer Tal bei Dresden, inspiriert von der romantisch-sentimentalen Spätphase des Englischen Gartens. Zahlreiche Staffagen und Parkarchitekturen entsprechen der damaligen literarischen und philosophischen Denkweise. Foto: Jörg Blobelt, eigenes Werk, CC BY-SA 4.0

Landschaft und Stadtplanung

Auch der Wert der Landschaft hatte keinen Einfluss auf die Stadtplanung. Landschaft war in der Bauleitplanung als "Außengebiet", als Landwirtschaftsfläche deklariert. Eine wertende Analyse von Boden, Relief, Klima, Wasser, Flora und Fauna als Grundlage stadtplanerischen Denkens, fand nicht statt. Die Städte wuchsen breiartig in die umgebende Landschaft. Der unkritische Naturverbrauch bezog sich auch auf andere Planungsbereiche. Flüsse wurden zu Wasserstraßen, Auenwälder verschwanden, Ufer mit Gewerbe und Industrie verbaut. Vergessen waren Vorbilder eines Lenné oder Sckell, vergessen ihr Umgang mit Landschaft, vergessen die Idee der Volksparke.

Natur bestimmt städtische Lebensqualität

Das Erleben einer Landschaft, ihren ästhetischen, kulturellen Wert zu schätzen, zu verbessern, das war Anliegen des Bildungsbürgers im 18./19. Jahrhundert. Eine verdienstvolle Schilderung dieser Zeit legten Kirsten Kreplin und Thomas Thränert mit dem Buch "Die gewidmete Landschaft - Spaziergänge und verschönerte Landschaften um Dresden" vor. Im damaligen Sprachgebrauch bezeichnete man ausgesuchte Landschaftsteile als "Spaziergänge, Promenaden oder einfach verschönerte Landschaften". Ein herausragendes Beispiel dieser Zeit war das um 1790 von Christiane Gräfin von Brühl inspirierte Seifersdorfer Tal bei Dresden, eine für Naherholung erschlossene Kulturlandschaft, angereichert mit klassizistischen Motiven wie Tempel, Altäre und Steinbüsten. Das Erleben solcher "Promenaden", wurde gängige Mode in den bürgerlichen Salons des 18./19. Jahrhunderts. Auch heute gehört "Landschaft erleben" zum Grundbedürfnis der Menschen.

Die Forderung nach Natur beinhaltet nicht nur Belange des Naturschutzes und der Einrichtung von Biotopen. Für den Menschen hinzu kommt die psychische und physische Wohlfahrtswirkung, das Erleben von Natur, von Gärten und Landschaft. Ein Garten, ein Park, eine Landschaft wirkt auf den Menschen als Psychotop. Unsere Seele verlangt nach ursprünglicher und gestalteter Natur. Es ist die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradiesgarten. Die Suche danach führte über Jahrhunderte zu Nachbildungen des verlorenen Paradiesgartens, prägte Gartenkultur, Gartenkunst, die auch in moderner Form als "urban gardening" erlebbar ist. Ohne Kultur, ohne Naturkontakt, ohne Erholung im Freien, verarmt die menschliche Seele.

Es war ein langer Weg von den ersten Gärten bis zur städtischen Grün- und Landschaftsplanung unserer Zeit. Im aufkommenden Industriezeitalter vor etwa 200 Jahren galt Industrie, galten rauchende Schlote als ein Symbol für eine prosperierende Gesellschaft. Man übersah hierbei die Nachteile für einen Großteil der Gesellschaft, die in engen Wohnverhältnissen, in verpesteter Luft, verrußten Wohnungen leben mussten. Industrie- und auch Städtebau erfolgte nach gewinnbringenden Maximen.

Die Rolle des Bürgers

Verantwortliche Bürger, Naturschutzbewegungen, Vereine wie die DGGL aber auch die Deutsche Gartenbaugesellschaft können und müssen durch entsprechendes Engagement Einfluss auf den Verlauf der Politik nehmen. Ohne ihr ehrenamtliches Engagement sähe es wesentlich schlechter aus um Natur- und Umweltschutz. Die Bereitschaft, Verantwortung etwa in einem Ehrenamt zu übernehmen, nimmt spürbar ab. Das trifft für alle Bereiche zu. Landschaftsarchitekt*innen wünschen sich mehr Bürgerengagement, wenn es um die Qualität der Parkanlagen geht. Baudenkmale werden weitaus besser unterhalten als Gartendenkmale. Sie wünschen sich mehr vom "Lennéschen Geist", der Bereitschaft zum Widerspruchs. Hierzu ein Beispiel aus Wiesbaden: Geplant war der Neubau der "Rhein-Main-Hallen" im Zentrum der Stadt. Den Planern genügte nicht die Fläche des alten Standorts, die neue Halle sollte in den benachbarten Park hineingebaut werden. Die Politik stimmte zu, obwohl der Park unter Denkmalschutz steht, es sich um eine wertvolle innerstädtische Grünanlage handelt und er seine Entstehung großzügigen Bürgerspenden verdankte. Doch die üblichen, sonntäglichen Grünbekenntnisse waren im werktäglichen Geschäft in Vergessenheit geraten. Doch Bürger*innen wehrten sich, protestierten, auch die DGGL mit einer sehr beachteten Veranstaltung vor Ort. Letztlich erzwang Bürgerprotest eine Bürgerbefragung, die zu einer mehrheitlichen Ablehnung, beziehungsweise Einschränkung des Projektes führte: die Planung begnügte sich mit dem alten Standort.

Verantwortung übernehmen ist Bürgerpflicht. Besondere Verantwortung haben Persönlichkeiten mit entsprechender Sachkenntnis. Erinnern wir an Persönlichkeiten wie Lenné und seine Nachfolger, oder um ein Beispiel aus Frankfurt zu nennen an den Frankfurter Gartenbaudirektoren, an Carl Heicke, der seinerzeit Herausgeber der "Gartenkunst", dem Vorläufer der heutigen "Garten und Landschaft" war, an seinen Nachfolger Max Bromme und Johannes Sallmann, beide übernahmen leitende Funktionen in der DGGL, waren berufspolitisch aktiv. Max Bromme sorgte zum Beispiel dafür, dass die berühmte Römerstadt von Ernst May, nicht in, sondern jenseits der Niddaaue gebaut wurde. Damit blieb ein Teil der Auenlandschaft erhalten, die heute Kernstück des Frankfurter Grüngürtels ist. Johannes Sallmann verdankt der Berufsstand die Einrichtung des Referendariats Landespflege im höheren kommunalen Verwaltungsdienst und die Gründung der "Ständigen Konferenz der Gartenamtsleiter beim Deutschen Städtetag".

Epilog

Natur, auch gestaltete Natur, empfinden wir als schön, beruhigend, als Ausgleich zur Stadt. Wir genießen die Ruhe der Wälder, die Weite einer Landschaft, aber ebenso die gestaltete Natur, Gartenkultur, Gartenkunst, wie man sie im urbanen Umfeld vorfindet. Natur, ob Landschaft oder Park, wird mit dem Verstand ästhetisch aufgenommen und verarbeitet. Stadterleben, Stadtqualität wird maßgeblich vom Naturanteil einer Stadt geprägt. "Die Landschaft ist das Gesetz", so eine bereits in den 1960er Jahren aufgestellte Forderung des Deutschen Werkbunds. Doch hat es noch Jahrzehnte gedauert, bevor Landschaftspläne Gesetz wurden.

Natur und Stadt sind Gegensätze. Die gebaute Stadt ist wie eine Wüste, trocken und heiß, um mehrere Grad wärmer als Landschaft am Stadtrand. Allein Vegetation kann diese klimatische Ungunst um mehrere Grad ausgleichen. Dass ein Baum im Sommer willkommenen Schatten spendet, ist eine Binsenwahrheit. Doch es hat Jahrzehnte gedauert, bis die Wohlfahrtswirkung von Grün Eingang in die aktuelle Stadtplanung fand. Erst seit der Klimawandel nicht mehr zu negieren ist, fordert auch die Politik baumbestandene Plätze, Begrünung von Fassaden und Dächern.

Soziale Errungenschaften um 1900 wie Mietergärten, Gartenstädte oder Volksparke wurden nur ansatzweise im Städtebau der Nachkriegszeit verwirklicht. Gäbe es nicht die historischen Parks, wären viele Stadtzentren ohne Parkanlagen. Stadtgrün wünscht man sich möglichst wohnungsnah.

In den "Geschichten des Herrn Keuner" lässt Bertold Brecht Herrn Keuner auf die Frage nach Natur in der Stadt sagen: "Ich würde gern, mitunter aus dem Hause tretend, ein paar Bäume sehen". Bäume im Wohnbereich, ein fußnaher Park, ein wohnungsnaher Spielplatz, das möchten auch die heutigen Keuners sehen. Bürgerbefragungen ergeben immer wieder, Grünanlagen stehen ganz oben in ihrer Prioritätenliste. Die ständig zunehmende Stadtverdichtung verändert die ökologische Bilanz negativ. Nur langsam beginnt ein Umdenken. Autos werden aus der Stadt verdrängt, Fahrbahnen für Fahrräder ausgewiesen. Neue Siedlungen werden nach ökologischen, klimatischen Gesichtspunkten angelegt. Man spricht von der "Schwammstadt", Regenwasser wird aufgefangen, kleine Parks angelegt. Doch noch immer sind sie autogerecht angelegt (s.a. "Die autofreie Stadt" in dieser Ausgabe S. xyz). Das genannte Beispiel aus Schweden, vor 70 Jahren erdacht, ist immer noch unerreicht.

Der Gartenoskar der DGGL

Gute Beispiele müssen publik gemacht werden. Darum bemüht sich die DGGL Hessen. Sie zeichnet seit 20 Jahren vorbildliche Grünplanungen mit dem "Gartenoskar" aus. Im Jahr 2021 war es das Projekt Kätcheslachpark im Neubaugebiet Frankfurt-Riederwald, ein nach ökologischen Gesichtspunkten angelegter Park mit vorbildlicher Verknüpfung zur angrenzenden Agrarlandschaft. Planverfasser ist das Büro Weidinger Landschaftsarchitekten GmbH aus Berlin.

Es geht um Fragen der Wertigkeit von Natur, von Natur in der Stadt und im Stadtumland. Hier ist die Politik, der Bürger als Kontrolleur der Politik, der Fachverstand der Fachleute gefragt. Die DGGL besetzt hier eine kleine aber wichtige Nische, die Pflege und Förderung der Garten- und Landschaftskultur. Entsprechend ist ihre Satzung formuliert. So heißt es: Erhalt und Förderung der Landschaftskultur und des Landschaftsbildes, Sicherung und Entwicklung von Natur und Landschaft in ihrer Eigenart, Vielfalt und Leistungsfähigkeit, Erhalt und Schaffung von künstlerisch gestalteten Freiräumen in Stadt und Land, insbesondere Gärten und Parks". Das politische Engagement der DGGL, ihre Außenwirkung, könnte weitaus stärker sein. Nur wenige aus dem großen Bereich der mit Garten und Landschaft verbunden Berufe, Planer*innen und Ausführende, in der Pflanzenproduktion Arbeitende, in "grünen Verwaltungen" Tätige, sind bereit, in der DGGL, in Naturschutzverbänden mitzuarbeiten. Ebenso müsste es gelingen, wie einst die Bewegung der Verschönerungsvereine, Bürgerinnen und Bürger mehr in die Kulturarbeit, in "Garten und Landschaft" einzubinden.

Englische Gärten Landespflege
Abb. 9: DGGL-Exkursion im Jahr 2012, ins Seifersdorfer Tal, anlässlich des Symposiums zum 125-jährigen Bestehen der in Dresden gegründeten DGGL. Dr. Hans-Henning von Krosigk, damaliger Präsident der DGGL, erläutert die Idee der romantischen Parkschöpfung. Foto: Marcus Köhler
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Abb. 10: Das Projekt Kätcheslachpark im Neubaugebiet Frankfurt-Riederwald wird 2021 mit dem Kulturpreis des DGGLLandesverbands Hessen, dem „Gartenoskar“ ausgezeichnet. Planverfasser ist das Büro „Weidinger Landschaftsarchitekten“ aus Berlin. Foto: Jörg Blobelt, eigenes Werk, CC BY-SA 4.0

Schon Goethe formulierte: "Leben, Kunst und Natur gehören zusammen". Heute würden wir den Ausspruch mit dem Begriff Nachhaltigkeit ergänzen, ein Thema, das entscheidend für unser Überleben, ist. Hierüber haben schon vor 700 Jahren Bürger nachgedacht, wie es in einem Beispiel aus dem 14. Jahrhundert überliefert ist. Im Treppenhaus des Rathauses von Sienna, dem Palazzo Publico, ist anhand eines Freskos eine Allegorie einer "guten bzw. schlechten Stadtregierung" dargestellt, so die Unterschrift. Das Fresko schuf der Maler Ambrogio Lorenzetti um 1338 - 1339. Die eine Bildhälfte zeigt eine wohnliche Stadt, umgeben von einer blühenden Landschaft. Die Menschen bestellen das Feld, die Stadtbewohner haben glückliche, frohe Gesichter. Ganz anders die andere Bildhälfte. Die Landschaft ist devastiert, die Stadt ist verödet, entsprechend unglücklich sind die Minen der Bewohner. Es geht damals wie heute um die politische Verantwortung. Die Politik ist dafür verantwortlich, ob wir in Frieden leben, wie wir mit unserer Umwelt umgehen, ob wir ausreichend geimpft sind. Lorenzettis Bild ist eine dauerhafte Mahnung an die politische Führung, es müsste in allen Rathäusern und Regierungspalästen hängen. Doch es ist auch eine Mahnung an die Bürger*innen, die ihre Regierung wählen, durch persönlichen Verzicht Nachhaltigkeit zu fördern.

Die DGGL bespielt hier einen wichtigen Bereich im Lebensumfeld der Menschen, die Pflege und Entwicklung der Garten- und Landschaftskultur. Sie sollte, sie muss, als gemeinnütziger Verein, ihr Wissen, ihre Forderungen mehr in die Öffentlichkeit tragen.

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